Menschengemachter Klimawandel

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Veränderung der Oberflächentemperaturen 2000–2009 (oben) und 1970–1979 (unten), bezogen auf die Durchschnittstemperaturen von 1951-1980. Quelle: NASA

»In unserem Jahrhundert hat die Menschheit die Möglichkeit, ihre eigene Lebensgrundlage zu vernichten.«1

Viele Millionen Jahre lang haben Pflanzen mehr Sonnenlicht in Biomasse gespeichert, als Tiere oder Mikroorganismen abbauen konnten. So entstanden riesige Kohlenstoffspeicher in Form von Kohle, Öl und Gas. Indem die Menschheit die in diesen fossilen Energieträgern gespeicherte Sonnenenergie durch Verbrennung nutzt, wird das darin gebundene Kohlendioxid freigesetzt und in die Atmosphäre überführt. Was in Jahrmillionen entstanden ist, wird innerhalb weniger Jahrzehnte wieder freigesetzt. Jährlich gelangen so rund 31 Milliarden Tonnen Kohlendioxid durch das Verfeuern von Kohle, Öl und Gas in die Atmosphäre. Dadurch hat sich seit Beginn der flächendeckenden Temperaturaufzeichnungen die Durchschnittstemperatur der Erde um 1,4 Grad Celsius (Quelle: NASA, Stand Juli 2015), erhöht und die Konzentration des Kohlendioxid in der Atmosphäre ist der höchste der letzten 650.000 Jahren – er hat die »magische« 400er Grenze überschritten und liegt aktuell bei 400,47 ppm (Quelle: NASA, Stand Juli 2015).

Die Vorstellung vom langsamen und stetig verlaufenden Klimawandel ist riskant

Die KlimawissenschaftlerInnen warnen, dass die globale Durchschnittstemperatur bis 2100 um bis zu sechseinhalb Grad Celsius steigen wird, wenn wir uns nicht ändern. Bereits heute erleben wir erste Effekte der Klimaerwärmung – die Auswirkungen auf das Wettergeschehen in Form von sich häufenden Extremwetterbegebenheiten auch in den gemäßigten Breiten sind nicht mehr zu übersehen. Sollten die Treihausgase CO2, Methan, Distickstoffmonoxid (Lachgas) und F-Gase weiter in diesem Umfang in die Atmosphäre freigesetzt werden wie heute, hätte dies katastrophale Folgen.

»Die Annahme, dass sich der Klimawandel langsam und stetig vollzieht, gibt uns eine falsche Sicherheit. Wenn wir nicht schnell reagieren, kann das dramatische Auswirkungen haben.«

Professor Wolfgang Lucht vom Potsdam Institut für Klimaforschung (PIK) über die sogenannten ›Kippelemente‹ des Erdklimas

Diese ›Kippelemente‹ (tipping points) sind Bestandteile des Erdsystems von überregionaler Größe, die schon durch kleine externe Störungen in einen neuen Zustand versetzt werden können. Diesem Verhalten liegen selbstverstärkende Prozesse zugrunde, die einmal angestoßen meist unumkehrbar sind. Der Übergang nach dem Überschreiten eines systemspezifischen Kipppunktes erfolgt in der Regel sprunghaft und die daraus resultierenden Umweltauswirkungen sind weitreichend und könnten die Lebensgrundlagen vieler Millionen Menschen gefährden.2

CO2-Konzentration in der Atmosphäre. Data source: Monthly measurements (corrected for average seasonal cycle). Credit: NOAA, NASA

⇒ Folge dieser Vorgänge kann ein abrupter Klimawechsel beziehungsweise Klimasprung erfolgen, was eine rapiden Klimawandel zu einem neuen Klimazustand bedeutet. Ein solcher Klimawechsel hat gravierende Auswirkungen auf Lebensräume in der Umwelt, weil Ökosysteme sich den neuen klimatischen Bedingungen in kurzer Zeit neu anpassen müssen. ⇐

Horrorszenarien bereits in 20, 30, 40 Jahren

Heute stoßen wir jedes Jahr zweimal so viel Treibhausgas aus, wie Wälder und Meere absorbieren können und der Club of Rome hat in dem 2012 veröffentlichten Bericht »2052: Eine globale Vorhersage für die nächsten 40 Jahre« die verheerenden Folgen des Klimawandels skizziert: Die menschengemachte Freisetzung von Treibhausgasen wird noch bis 2030 steigen und erst dann zurückgehen – dies sei allerdings 15 Jahre zu spät, um noch zu verhindern, dass sich die mittlere Erdtemperatur nach 2052 um mehr als zwei Grad erhöhe. Dieser Wert gilt Experten zufolge als gerade noch erträglich. Der Klimaforscher Jorgen Randers findet drastische Worte:

Die Menschheit wird nicht überleben, wenn sie ihre Verschwendung und Kurzsichtigkeit fortsetzt.

Der Bericht kommt zu dem desillusionierenden Schluss, dass bis zum Jahr 2052 die Erderwärmung bereits in einigen Fällen örtliche Kollapse mit viel Leid erzeugen werde und die Welt mit Schrecken auf weitere Änderungen in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts blicken wird. Ab 2052 wird sich dann die Erderwärmung durch die ersten überschrittenen Kippelemente katastrophal selbst verstärken: Bis 2080 werde die Temperatur um 2,8 Grad steigen, was die nächsten Kippelemente anstoßen und den sich selbst verstärkenden Klimawandel weiter beschleunigen wird. Das Treibhausgas Methan, welches 28 mal klimaschädlicher als CO2 ist, wird aus der auftauenden Tundra entweichen und die Erde noch weiter aufheizen – die selbstverstärkenden Prozesse sind somit unaufhaltsam in Gang gesetzt.

Die Ökologie wird diese Ökonomie beseitigen

Diese Ökonomie, welch diese ökologische Katastrophe durch die einseitige Fixierung auf Wachstum um jeden Preis maßgeblich herbeigeführt hat, wird als fehlerhaft beseitigt werden. Der Bericht prognostiziert aus diesen Vorgängen resultierend auch große politische und ökonomische Umwälzungen bereits in den 2020er Jahren:

Der jungen Generation werde der Geduldsfaden reißen, weil sie nicht länger die Umweltlasten der Alten tragen wolle und der »verkrustete Blick« auf das eigene Wirtschaftswachstum wird bald genauso kritisiert werden wie heute der enge Wertekanon der 1950er und 60er Jahre.

Das österreichische Club-of-Rome-Mitglied Karl Wagner prognostiziert daraus resultierend eine Revolution bereits in den 2020er Jahren – vergleichbar mit der von 1848 gegen das feudale Herrschaftssystem – denn heute ist ein beträchtlicher, stattfindender Wertewechsel festzustellen: Weg vom rein ökonomischen zum nachhaltigen Denken. So werde die Kultur des Konsums umschwenken auf nachhaltigeres Wirtschaften.

Versagen von Wirtschaft und Politik

Die Schande von Kopenhagen. Bild: Ellie Johnston / CC BY-SA 2.0 (via Wikimedia Commons)

Seit vor über 23 Jahren, im Jahr 1992, auf der UN-Klimakonferenz in Rio die Brisanz der Klima-Problematik zur Klimarahmenkonvention führte, hat sich nicht viel getan – diese Zeit ist verschenkt worden. Der Anteil der erneuerbaren Energien liegt etwa bei 12%, die Probleme werden verschleppt und selbst einfachste Maßnahmen wie schärfere Kohlendioxidgrenzwerte für Neufahrzeuge in Europa werden verwässert. Es scheint in dieser Wirtschaftsform nicht möglich zu sein, das Gemeinwohl über den eigenen Vorteil zu stellen. Politische VertreterInnen der Nationen geraten durch die heimischen Energieindustrien unter Bedrängnis, sodass diese versuchen, bei den festzulegenden, internationalen Klimaschutzzielen für ihr Land die geringsten kurzfristigen Belastungen zu erstreiten und möglichst viele Ausnahmen für sich auszuhandeln.

In dem Buch »Schlusskonferenz« von Nick Reimer wird das Versagen der Weltklimapolitik minutiös aufgezeigt und kommt nach »der Schande von Kopenhagen« 2009 zu dem ernüchternden Schluss, dass Paris 2015 das Klima ebenfalls nicht retten wird. Das im Ergebnis wirkungslose Kyoto-Protokoll – die Emissionen sind schneller angestiegen als je zuvor – soll in Paris durch ein Abkommen ersetzt werden, das noch wirkungsloser sein wird: Statt minimaler Klimaschutzverpflichtungen, wie sie das Kyoto-Protokoll festlegt, wird es mit dem Paris-Protokoll künftig nicht-verpflichtende, jederzeit widerrufbare Beiträge aller Staaten geben.

Unter dieser Vorausschau auf das zu erwartende Ergebnis von Paris wird die moralische Schuld der Industrieländer gegenüber dem Rest der Welt nahezu untragbar, denn der Hauptteil der seit der Industrialisierung vom Menschen verursachten Treibhausgase geht auf diese Länder zurück. Ihr Anteil an der CO2-Anreicherung in der Atmosphäre wird auf vier Fünftel geschätzt, wovon über 50% allein auf das Konto der USA gehen: Sieben Prozent der Weltbevölkerung, hauptsächlich die hochentwickelten, westlichen Zentren, sind für 50 Prozent der Emissionen verantwortlich, während die 50 Prozent am unteren Ende der sozialen Skala nur rund sieben Prozent der Imissionen verursachen. Es sind die reichen Staaten, die diesen Planeten zerstören und die aus den Entwicklungsländern lauter werdenden Rufe nach einem internationalen Gerichtshof für Klimarecht sind durchaus nachvollziehbar.

Wut auf die Verantwortlichen. Bild: EPO / CC BY-SA 2.0 (via Wikimedia Commons)

Die letzte Hoffnung der Klimawissenschaft ist eine Art »Weltbürgerbewegung für den Klimaschutz«, denn wie bereits erwähnt werden sich vor allem die jungen Menschen das Zaudern und Versagen der Politik, welche durch eine kurzsichtige Profitinteressen bestimmte und Nachhaltigkeit außer acht lassende Wirtschaftsform vorgegeben wird, nicht mehr gefallen lassen. Bei den Verursachern scheint Vernunft inexistent und so stellt sich tatsächlich die dingliche Frage, ob die Verantwortlichen in den Vorstandsetagen eines Tages aus ihren »Elfenbeintürmen« geholt werden und zur Rechenschaft gebeten werden«, oder ob die VerbraucherInnen lediglich den Konsum verweigern und das System dadurch zum Umdenken bewegen.

Auf jeden Fall ist diese ›business as usual-Politik‹ des kleinsten gemeinsamen Nenners für die Belange der nachfolgenden Generationen eine Ohrfeige – für kurzsichtige Kapitalinteressen werden bewusst echte Lösungen blockiert – was aber sofort benötigt wird, ist entschlossenes Handeln.

⇒ Quellenindikator und Hinweis auf weiterführende Informationen zu diesem Thema:

Der Inhalt dieser Seite rekurriert sich aus dem Onlineangebot des ›Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK)‹, der ›Greenpeace‹ Publikation »Für eine Welt ohne Wetterchaos« und dem Onlineportal ›Den Klimawandel verstehen‹ des Biologen Jürgen Paeger.

⇔ Weiterführende Links:

Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK): www.pik-potsdam.de.
Die ›Klima-Seiten‹ von Greenpeace: www.greenpeace.de/themen/klimawandel.
Die ›Klima-Publikation‹ von Greenpeace: Für eine Welt ohne Wetterchaos (pdf-Dokument)
Die Website ›den Klimawandel verstehen‹ von Jürgen Paeger: www.klimawandel-verstehen.de

1 Ernst Ulrich von Weizsäcker, Karlson Hargroves, Michael Smith, 2010.
2 Potsdam-Institut für Klimaforschung (PIK), https://www.pik-potsdam.de/services/infothek/kippelemente