Klimarettung

»Es lohnt sich, um jedes Grad, ja, jedes Zehntel Grad vermiedene Temperaturerhöhung zu kämpfen.«1

UN-Klimakonferenz in Lima 2014. Foto: Daniel Malpica / CC BY-SA 2.0 (via Wikimedia Commons)

Diese Welt wäre vom technischen Wissensstand, von den technischen Möglichkeiten und den notwendigen Ressourcen sofort, beziehungsweise im Verlauf von wenigen Jahren, in der Lage alle erforderlichen Maßnahmen zu planen und umzusetzen, um den Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase auf nahezu 0 zu reduzieren. Die Krux dabei – das vorherrschende kapitalistische Finanz- und Wirtschaftssystem verhindert das sofort gebotene, vernünftige Handeln. Die Versuche innerhalb der Gesetzmäßigkeiten dieser Ökonomie dem Klimawandel zu begegnen, werden zum russisch Roulette: Statt das zu tun, was getan werden muss, wird weiterhin ausschließlich auf Wachstum, kurzfristigen Profit, Kosten und Märkte geschaut. Nirgendwo wird die Absurdität der kapitalistisch geprägten Gesellschaft offenkundiger als bei der Klimakatastrophe: Nicht einmal im Angesicht des eigenen Untergangs ist diese Gesellschaft in der Lage angemessen zu handeln. Eine Bestandsaufnahme.

Viel Egoismus, kaum Gemeinsamkeiten

Die Umsetzung einer weltweiten Treibhausgas-Minderung ist in dieser Welt komplex. Auf der einen Seite haben wir die entwickelten Industrienationen, die erste, wenngleich noch unzureichende Schritte in die Richtung Treibhausgas-Minderung unternehmen. Hierbei müssen allerdings die USA und Kanada ausgenommen werden, die das Klimaschutzabkommen von Kyoto nicht ratifizierten, beziehungsweise austraten. Auf der anderen Seite haben wir die aufstrebenden Industrienationen wie beispielsweise China, die ihren stetig steigenden Energiehunger vornehmlich mit Kohlekraftwerken stillen und die auf ihrem Status als Entwicklungsland bestehen und sich ebenso weigern bei den UN-Klimaverhandlungen verbindlichen Emissionszielen zuzustimmen. Ohne eine Mitarbeit dieser blockierenden Länder lässt sich die globale Klimaerwärmung nicht auf zwei Grad begrenzen. So scheint es, als würden alle europäischen Bemühungen wieder neutralisiert, wenn gleich sie natürlich nicht umsonst sind. Für Europa darf diese vordergründig ernüchternde Erkenntnis nicht Anlass zum Pessimismus sein, sondern sollte vielmehr als Chance wahrgenommen werden, mit steigenden Klima-Engagement eine Welt-Vorreiterrolle einzunehmen.

USA und China bewegen sich

ein bisschen. Die USA und China verursachen insgesamt 40 Prozent der globalen CO2-Emissionen, wobei die USA den Löwenanteil verzeichnen, was folgende Rechnung eindrucksvoll eröffnet: Die USA haben gerade einmal 300 Millionen Einwohner, in China leben fünf Mal mehr Menschen. Die USA verbrauchen pro Tag rund 20 Millionen Barrel Erdöl, China kommt auf fünf oder sechs Millionen Barrel. Trotz der vorhandenen »Ungleichheit der Schuld« an der Klimaerwärmung zu deutlichen Lasten der USA sind wie zuvor bemerkt beide Staaten in der Pflicht, da China weiterhin boomt. Ende 2014 haben sich die USA und China nach monatelangen Geheimverhandlungen doch dazu durch gerungen auch etwas zu tun: Bis 2025 will die USA ihre Emissionen um 26 bis 28 Prozent im Vergleich zum Jahr 2005 reduzieren – China will im Gegenzug seine Emissionen spätestens im Jahr 2030 ihren absoluten Höhepunkt erreichen lassen und anschließend sinken lassen. Was von einigen als historischer Durchbruch gefeiert wird ist in der Sache selbst allerdings ganz eindeutig nicht ausreichend. Es bleibt Europa, beziehungsweise den vernünfig handelnden Staaten aufzuzeigen, wie es besser geht, obgleich wie bereits unter Klimawandel II beschrieben wohl auch Paris 2015 scheitern wird – es fehlt der politische Wille der reichen Industrienationen.

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Emissionen satt. Heizkraftwerk Nord (Müllverbrennungsanlage) in München. Foto: Thomas Netsch

Ökonomie auf dem Prüfstand

Die Unbeweglichkeit ist systemgemacht – das eigene Wirtschaftswachstum ist das Primärziel, und das bedeutet weiter so zu wirtschaften wie bisher. Dabei ist es evident, dass unsere Art zu wirtschaften und der daraus resultierende, persönliche Lebensstil jedes einzelnen, Auslöser des menschengemachten Klimawandels ist. Der fast religiöse Glauben an freie Märkte, Wachstum und unbeschränkten Konsum steht dem nachhaltigen Umgang mit dem begrenzten Lebensraum Erde entgegen und verhindert echte Lösungen. Auch wenn dies nach 100 Jahren kapitalistischer Wachstumsprägung möglicherweise Missbehagen auslöst – statt Wachstum benötigt diese Welt unbedingt Schrumpfungsmodelle in den klassischen Wirtschaftsformen, was gleichzeitig bedeutet, dass der Konsum auf ein Maß gebracht werden muss, der die Erde nicht ausbeutet. Wachstum hingegen brauchen wir nur noch in den neuen, nachhaltigen Formen des Wirtschaftens. Die Frage die sich stellt ist die, ob die Gesellschaft diesen unumgänglichen Wandel allein durch die Einsicht in die Notwendigkeit aus eigener Motivation heraus aktiv vollzieht und somit noch zu einem Zeitpunkt handelt, in der die Türen zu einer erfolgreichen Ausbremsung des Klimawandels in einem »erträglichen« Rahmen noch offen sind, oder ob die Wandlung mit der »Faust im Nacken« durch die Auswirkungen des Klimawandels selbst und dann letztlich von oben diktiert vonstatten gehen muss. Dies wäre dann zudem zu einem Zeitpunkt, an dem der Klimawandel bereits in eine Phase übergegangen ist, in der dieser sich selbst verstärkt und nicht mehr zu stoppen ist. Alles spricht also für ein rechtzeiges Handeln.

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Entwicklung der Reduktion der Treibhausgasemissionen (zum Vergrößern bitte anklicken!)

Vorreiter Deutschland?

Die europäischen Regierungen haben kürzlich beschlossen, bis zum Jahr 2030 insgesamt 40 Prozent Treibhausgas-Minderung zu erreichen. Die deutsche Bundesregierung hat darüber hinaus nochmals bekräftigt das selbst gesteckte Ziel, den Treibhausgasausstoß bis 2020 um 40 Prozent gegenüber 1990 zu senken, zu erfüllen. Ob dies gelingen wird ist zweifelhaft, denn erst 27 Prozent sind geschafft und ein Grund dafür ist, dass Deutschland im Verkehrsbereich gegenüber 1990 bisher keinerlei Reduktion erzielen konnte (siehe Grafik rechts). Das aber kommt nicht von ungefähr, dies ist die Folge von Abhängigkeiten der Politik von einer Wirtschaft, »die nicht will, auch wenn sie so tut.«

Die heilige Kuh der Deutschen – das Auto. Technik aus dem 19. Jahrhundert

Sorgt nicht nur für Dicke Luft. Klimazerstörer Auto mit Verbrennungsmotor.

An der nicht vorhandenen Veränderung im Verkehrsbereich ist aber nicht nur das steigende Verkehrsaufkommen mit entsprechend immer mehr Fahrzeugen auf den Straßen verantwortlich, sondern auch die Tatsache, dass keine deutsche Regierung die politische Willenskraft aufbringt, eine Reihe von konkreten Maßnahmen, mit denen die Emissionen im Verkehrssektor verringert und das Klimaschutzziel noch erreicht werden könnte, in Angriff zu nehmen. Vernünftige Maßnahmen wie eine flächendeckende Geschwindigkeitsbegrenzung auf 120 km/Stunde, welche allein auf Anhieb und zum Nulltarif jährlich 3,3 Millionen Tonnen CO2 einsparen würde, eine Reformation der Kfz-Steuer die sich am Kohlendioxidausstoß orientiert, die Streichung der steuerlichen Subventionen für umweltschädliche Dienstwagen, welche aus »Prestigegründen« häufig im Premiumsegment liegen, die gezielte Förderung der Elektromobilität oder auch den Verkehr selbst zu reduzieren beziehungsweise zu verlagern, beispielsweise durch gezielte Förderung des ÖPNV, sind in weiten Teilen der Bevölkerung bemerkenswerterweise mit Unbehagen behaftet und die Angst der Regierenden bei der nächsten Wahl für solche Maßnahmen eine Negativ-Quittung zu erhalten scheint zu dominant.

Indes müssen gerade in diesem Bereich solcherlei Signale durch die Gesetzgebung gezielt und konsequent gesetzt werden, denn auch hier gilt, dass allein durch die Einsicht in die Notwendigkeit offensichtlich die meisten Autofahrer nicht von großen, schweren und PS-starken Fahrzeugen abzubringen sind – die über die Jahrzehnte eingeschliffenen Definitionen von Prestige stehen dem Entgegen, denn heute wird eine hohe Motorleistung und große Masse eines Fahrzeuges von vielen noch als positiver Prestigefaktor wahrgenommen, auch wenn dies unter vernunftbegabter Denkweise natürlich vollkommen zurückgeblieben pupertär ist.

Befeuert wird dieses nicht nur unangemessene, sondern auch gefährliche Verhalten von der deutschen Automobilindustrie, die an ihrer Modellpolitik der immer höheren Spitzengeschwindigkeiten und größeren und schwereren Modelle festhalten, weil dadurch größere Absatzchancen bestehen. Die bisher erreichen Effizienzsteigerungen der heutigen Motoren werden durch derlei Fahrzeugpaletten neutralisiert und lassen den Spritverbrauch im Durchschnitt auf konstant hohem Niveau verharren. Dabei wäre es ein leichtes den Kraftstoffverbrauch der PKW um mehr als die Hälfte zu senken, wenn die Autos kleiner, leichter und effizienter gebaut und die Motorleistung reduziert würde. Dies ginge auch aus praktischer Sicht, denn in vermutlich über 60 Prozent aller Fahrten ist es unmöglich sachlich zu erklären, warum zwei Tonnen Stahl, Kunststoff und Glas bewegt werden müssen, um 80 kg Mensch von A nach B zu befördern. Was aber noch schlimmer wiegt ist die Tatsache, dass sich die deutsche Automobilindustrie konsequent weigert, ernsthaft die Elektromobilität voranzubringen. Sie tun zwar nach außen so, als ob sie für ökologische Konzepte wären, aber sie behindern in der Realität diese wo sie können. Der große Profit, den sie mit ihren Dickschiffen erwirtschaften steht einer vernunftbegabten Handlungsweise entgegen.

Der Faktor Gewohnheit

»Unser uraltes Gehirn ist zwar grundsätzlich in der Lage, den Klimawandel zu begreifen, unser kurzfristiges Denken indes steht positiven Verhaltensänderungen im Wege. Zudem beinhaltet die Welt mehr Signale, als wir gleichzeitig aufnehmen können. Daher bemerken viele Menschen schleichende Veränderungen wie den Klimawandel einfach nicht. «

Robert Gifford, Professor für Psychologie und Umweltstudien an der Universität von Victoria in British Columbia

Der Klimawandel scheint zu abstrakt, zu weit weg und immer neue Hiobsbotschaften und die mediale Informationsüberflutung mit diesen Themen erzeugen in der Gesellschaft das Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber den Bedrohungen der eigenen Zukunft. »Gleichzeitig bleibt die vielfach angekündigte Klimakatastrophe scheinbar aus, weil uns der Klimawandel nur in einem schleichenden Prozess unserer Lebensgrundlagen beraubt. Als Konsequenz konzentrieren sich immer mehr Menschen auf ihr individuelles Lebensglück und wenden sich von Gemeinschaftsaufgaben wie dem Klimaschutz ab. Als Gegenmittel müssen abstrakte Begriffe wie ›Klima‹ mit Leben gefüllt werden. Wer begreift, wie tief ›persönliches Glück‹ vom Klima geprägt ist, gibt dem Wort Klimaschutz einen viel höheren Stellenwert. Der Anstoß zum Umdenken richtet sich vor allem an junge Menschen. Sie sind offener für Neues als ›Alte‹, werden nicht durch vorgeprägte Verhaltensmuster im Handeln eingeschränkt und können als Botschafter Einfluss auf Ältere nehmen. Im Vordergrund muss auch für sie das positive Beispiel stehen. Deswegen brauchen wir – als Kontrapunkt zu der zögerlich wirkenden politischen Ebene – eine bessere Sichtbarkeit von Akteuren, die in Wirtschaft und Gesellschaft erfolgreich nachhaltiges Handeln vorleben und ein neues Verständnis von Verantwortung vermitteln.«2

Eins, zwei, drei – Chance vorbei?

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Club of Rome Logo. Bild: HMman / CC BY-SA 3.0 (via Wikimedia Commons)

Aber ist diese Gesellschaft gleichwohl bereit für »ihr Glück« alte Verhaltensmuster abzulegen und in neue überzugehen, vor allem dann, wenn diese zunächst vordergründig so erscheinen mögen, als hätten diese etwas mit »Verzicht« zu tun? Beziehungsweise ist diese Gesellschaft bereit sich eine »heile Welt« auch etwas kosten zu lassen? Der Club of Rome Klima-Experte Jorgen Randers ist skeptisch, ob es noch rechtzeitig zur Umbesinnung kommt: »Wir, die reichen Länder und Leute, müssten nur etwas mehr Steuern zahlen. Etwa zwei bis vier Prozentpunkte mehr, für doppelt so viele Windräder und Solaranlagen, für gedämmte Häuser, sparsame Autos, neue Speicher und intelligente Netze. Weltweit würde das etwa ein Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts kosten. Und das Problem wäre kein Problem mehr. Aber es wird wohl nicht passieren. Denn demokratische Gesellschaften entscheiden sich nicht für höhere Steuern, sie entscheiden sich gegen teureres Benzin und steigende Strompreise.« Die komplexen und zeitraubenden Entscheidungsprozesse in Demokratien verhindern die notwendigen, schnellen Entscheidungen. Aber Randers sagt darüber hinaus gleichfalls, dass es ebenfalls nichts nütze, zu verzweifeln und lässt durch sein Schlussstatement bei der Präsentation des Club of Rome Berichts erkennen, dass er selbst die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben hat: »Bitte helft, meine Vorhersage falsch werden zu lassen. Zusammen können wir eine viel bessere Welt schaffen.«

Es lässt sich zwar durchaus beobachten, dass heute bereits Initiativen versuchen eine Richtung vorzugeben, in der die Folgen des Klimawandels als unabwendbar akzeptiert werden sollen und die sich dafür stark machen anstatt aktiv für eine Begrenzung des Klimawandels durch Reduzierung von Treibhausgasemissionen zu arbeiten, sich lieber auf Anpassungsstrategien für die Auswirkungen des unbegrenzten Klimawandels, wie beispielsweise höhere Deiche und der gleichen mehr, zu konzentrieren.

Eine solche Handlungsweise ist nicht nur fragwürdig und gefährlich, weil sie russischem Roulette gleicht und das bisherige, bewusst herbeigeführte Versagen von Industrie und Politik legitimiert, sondern ist natürlich Unsinn solange noch Möglichkeiten bestehen, aktiv zu handeln. Und genau hier liegt der eigentliche Hebelansatzpunkt:

Wir sehen zwar auf der einen Seite verkrustete und erstarrte Prozesse im Verhalten der Gesellschaft und Wirtschaftsweise, aber dessen ungeachtet sind auf der anderen Seite die meisten Klimawissenschaftler davon überzeugt, dass es noch nicht zu spät ist und dass wenn jetzt gehandelt wird, wir noch immer realistische Chancen haben, den Klimawandel in einem »erträglichen« Rahmen zu begrenzen.

Die notwendige Änderung kann also noch von jedem Individuum selbst in Gang gesetzt werden, indem dieses beschließt ab sofort klimafreundlich zu leben. Tim Flannery, Autor des Sachbuchs »Wir Wettermacher« bemerkt dazu:

Es ist meine feste Überzeugung, dass alle Anstrengungen von Regierungen und Industrieunternehmen auf Null hinauslaufen werden, solange nicht der verantwortungsbewusste Bürger und Konsument die Initiative ergreift. Die Konsumenten sind in der allerbesten Ausgangslage, etwas gegen den Klimawandel zu tun.

⇒ Quellenindikator und Hinweis auf weiterführende Informationen zu diesem Thema:

Der Inhalt dieser Seite rekurriert sich aus dem Onlineangebot des ›Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK)‹, dem Onlineportal ›Klimaretter‹, dem Onlineangebot der ›Spiekerooger Klimagespräche‹, dem Onlineangebot des ›Umwelt Bundesamtes‹, der ›Greenpeace‹ Publikation »Für eine Welt ohne Wetterchaos« und dem Onlineportal ›Den Klimawandel verstehen‹ des Biologen Jürgen Paeger.

⇔ Weiterführende Links:

Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK): www.pik-potsdam.de.
Magazin zur Klima- und Energiewende: www.klimaretter.info
Forum für den Gesellschaftlichen Umgang mit dem Klimawandel, Spiekerooger Klimagespräche: www.spiekerooger-klimagespraeche.de
Umweltbundesamt, Themenbereich Klima und Energie: www.umweltbundesamt.de/themen/klima-energie
Die ›Klima-Seiten‹ von Greenpeace: www.greenpeace.de/themen/klimawandel.
Die ›Klima-Publikation‹ von Greenpeace: Für eine Welt ohne Wetterchaos (pdf-Dokument)
Die Website ›den Klimawandel verstehen‹ von Jürgen Paeger: www.klimawandel-verstehen.de

1 Zitat Hans-Joachim Schellnhuber, Leiter des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung
2 Arne Dunker, Vorstand der Deutschen KlimaStiftung, http://www.spiekerooger-klimagespraeche.de/node/103