Fridays for future?

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Protestbewegungen: Party und Events für die Zukunft?

Im Jahr 2012 orakelte der »Club of Rome« in seinem Bericht »2052: Eine globale Vorhersage für die nächsten 40 Jahre«, dass es bereits in den 2020er Jahren zu großen politischen und ökonomischen Umwälzungen kommen wird. Das die anfälligen Entscheidungen für den Klimaschutz, genauer gesagt die Klimarettung, durch die politischen Entscheidungsträger allein aus der Einsicht in die Notwendigkeit noch gefasst werden würden, daran glaubt nach den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte aus der Klimawissenschaft kaum noch jemand. Die letzte Hoffnung sei daher eine Art »Weltbewegung für den Klimaschutz«, welche diese politischen Entscheidungen erzwingen würde. Seit nun etwa einem Jahr gehen unter dem plakativen Motto »Fridays for Future« jeden Freitagvormittag Schülerinnen und Schüler für möglichst umfassende und effiziente Klimaschutz-Maßnahmen auf die Straße, statt brav in den Unterricht. Ist dies bereits die erhoffte Weltbewegung?

Um es vorweg zu nehmen – in dieser Form ganz eindeutig »nein«. Es sind drei Ursachen, die einen Erfolg der Bewegung sicher verhindern und die in dieser Auseinandersetzung richtungsweisend aufgezeigt werden. Möglicherweise gelingt es der Bewegung sich progressiv neu auszurichten, damit der jetzige, nahezu unwirksame Protest in echten Widerstand überführt werden kann – denn einfach ewig auf die Straße zu gehen, wird nicht funktionieren. Die angeführten Kritikpunkte beziehen annäherungsweise ebenfalls alle anderen, sogenannten sozialen Protestbewegungen, wie bspw. »Extinction Rebellion«, »Ende Gelände« oder FFF-Unterstützergruppen wie »Artists for Future«, »Entrepreneurs for Future«, »Parents for Future«, »Scientists for Future« und so weiter, ein.

Ursache 1 – falscher Ansatzpunkt

Beginnen wir beim grundsätzlichen Missgriff, dem falschen Ansatzpunkt. Eigentlich weiß es jeder und einige sind sich auch der auslösenden Zusammenhänge bewusst: Unvermeidliche Bestandteile der kapitalistischen Ökonomie sind die rücksichtslose Ausbeutung der Natur und die systematische Verelendung von immer mehr Menschen. Wir, in den Zentren des Kapitalismus, etwa 10 Prozent der Menschheit, leben schon lange ganz auf Kosten der anderen und verbrauchen fast die Hälfte der weltweiten Ressourcen. Es ist nicht einmal erforderlich besonders tiefgründig zu forschen, um zu erkennen, dass die Ursachen des menschengemachten Klimawandels (und nahezu aller anderen negativen ökologischen sowie sozialen Symptome) in den Produktionsbedingungen dieser Wirtschaftsform zu suchen und zu finden sind, welche wiederum aus den grundlegenden Ablaufmechanismen der kapitalistischen Wirtschaftsform entspringen. Dennoch konzentriert sich nahezu der gesamte, ohne Frage berechtigte Protest, auf einzelne, herausgepickte negative Aspekte – in diesem Falle der Klimawandel – für die dann politische Lösungsentscheidungen eingefordert werden. Nicht nur, dass der Blickwinkel so nur auf der Symptomebene verharrt und die auslösenden Mechanismen dabei nahezu unkritisiert und außer Acht, auf jeden Fall aber unangetastet bleiben, nein, diese Kinder fordern von denen Lösungen ein, die jahrelang jegliche Maßnahmen zum Klimaschutz verwässert, verschleppt und sabotiert haben und es bis heute tun. Das ist natürlich absurd. Wenn Greta Thunberg vor diversen Parlamenten spricht und medienwirksam durch die Welt jettet und dazu noch nebenbei Brunnen baut, mag das ja für sie ein erhebendes Gefühl sein, aber unter Berücksichtigung der Fakten über die Verantwortlichkeiten für den Klimawandel wirkt dies eher infantil. Dies ist das Verweigern der Kenntnisnahme von Gründen.

Kapitalismus wird von der Protestbewegung zwar kritisiert, diese Kritik ist aber zumeist mit der Hoffnung (und dem anerzogenen Glauben) verbunden, den Kapitalismus zu einer humanen, ökologischen Ökonomie reformieren zu können. Begleitet wird dies durch eine diffuse Technikgläubigkeit, welche seit den 1970er Jahren bekannt ist, und bei der es die (zukünftige) Technik schon irgendwie richten wird. Dass die junge Generation dies glaubt, kommt nicht von ungefähr – der Einfluss neoliberaler Think-Tanks auf nahezu alle Lebensbereiche der Menschen haben es dieser Generation in ihre Köpfe gehämmert, dass der freie Markt im Wettbewerb – und nur dieser – die Lösung für alles parat hält. Und dass studierende (nicht nur der Wirtschaftswissenschaften) dies ebenfalls glauben, ist ebenfalls von langer Hand vorbereitet und umgesetzt worden: In den letzten 30 Jahren hat sich an den Hochschulen viel verändert. Konzerne, Unternehmen und Arbeitgeberverbände greifen hier massiv in die Hochschulpolitik ein und reden sogar in den Führungsgremien direkt mit. Sie bestimmen, was und wie unterrichtet wird, denn wer das Geld hat, sitzt in Zeiten immer knapper werdender Gelder am Drücker. An den Hochschulen hat sich eine regelrechte Gleichschaltung vollzogen – an allen Schlüsselpositionen sitzen tiefdunkel gefärbte Neoliberale mit entsprechenden Lerninhalten. Bewerbungen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sich nicht dem herrschenden Strom zuordnen lassen, werden teilweise noch nicht einmal in den Auswahlverfahren mit einem Eingangsvermerk versehen. Von den sechs großen, wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstituten wurde das letzte Institut 1999, mit der Freistellung des Konjunkturforschers Gustav Adolf Horn, auf rein kapitalismusgläubige Linie gebracht.

Dass das kapitalistische System aber nicht reformierbar und zu einer ökologisch verantwortungsvoll agierenden Ökomonie umzubauen ist, liegt an seinen inneren Gesetzmäßigkeiten. Bedauerlicherweise wissen über diese theoretischen Prozesse die wenigsten Bescheid. Das wohl grundsätzlichste Problem des Kapitalismus ist das der tendenziell sinkenden Profitrate – und dieses Problem ist zudem unlösbar und produziert in schöner Regelmäßigkeit Krisen, welche in ihrer Heftigkeit zunehmen. Schon allein deswegen wird keine Regierung eine soziale oder ökologisch positive Änderung umsetzen, wenn dieses Vorhaben auch nur weitere 0,5% der Profitrate für sich beansprucht. Die jungen Menschen wären gut beraten langsam zu erkennen, dass die politischen Entscheidungsträger, als ideeller Gesamtkapitalist eines jeden kapitalistischen Landes, nichts anderes im Sinn haben können, als eine maximal-mögliche Profitrate und sie daher auch niemals das Ziel hatten, die eigene Ökonomie, welche sich in der Weltmarktkonkurrenz ja behaupten muss, ökologisch oder sozial gerecht zu gestalten, weil dies immer zu Lasten der Profitrate ginge.

So wird sich grundsätzlich lieber an Schimären wie der sogenannte ›Green New Deal‹ oder an die Heilsversprechen des ›Keynesianismus‹ geklammert. Letzterer ist zwar in der Lage, kurzfristig hier und dort ein wenig Linderung zu verschaffen, aber die unvermeidbare Krise fällt dafür später umso heftiger aus. Außerdem bewahrt der Keynesianismus Mensch und Natur nicht vor Ausbeutung.

Der gesamte Protest dieser Gesellschaft leidet am sogenannten ›kapitalistischen Realismus‹ (Mark Fisher), nach dem es sich der Mensch eher vorstellen kann, dass die Welt untergeht, als dass der Kapitalismus überwunden wird. Und so ist fast alles, was wir an scheinbar fairen, nachhaltigen, regionalen, gemeinnützigen und/oder biologischen Aktionen, Gründungen oder Aktivitäten sehen, nur ein Trugbild einer herbeiersehnten, umfassend neuen, gerechten Welt. Da passt es nicht zuletzt in unsere Zeit, in der die Kultur- und Eventindustrie herrscht, dass viele Aktivitäten nebenbei zudem noch als szenische Selbstdarstellungsplattform, Attitüde oder Alibi herhalten müssen. Es ist halt immer noch irgendwie sexy, links zu sein.

All diese pseudo-links-grün-sozialen Trugbilder ändern aber nichts an den grundsätzlichen, zerstörerischen Mechanismen dieser Wirtschaftsform und wo ›Upcycling‹ und ›Transportpalettenverwertung‹ enden, sehen wir am Transportpaletten-Möbel-Angebot in den Baumarktketten usw. Solange Produkte lediglich für die Mehrwertgewinnung produziert werden, anstatt für das menschliche Bedürfnis selbst, ist echte Wandlung unmöglich.

Schlussendlich heißt all dies, dass sich Protest in erster Linie gegen das kapitalistische System und sich nicht allein gegen die daraus zwangsläufig entstehenden Symptome richten muss – zumindest dann, wenn wirklich nachhaltig vorgegangen werden soll. Leider durchblicken viele der protestierenden Mittelstands-Kids diese Zusammenhänge überhaupt nicht und viele der älteren Protestler teilen dieses Schicksal mit ihnen. Wir sollten es ihnen sagen – aber ob sie zuhören werden?

Ursache 2 – Die Widerstands-Illusion

Die zumeist jungen Menschen, welche sich an den Freitagen oder anderen Aktionen auf der Straße versammeln, sind ja, wie bereits angedeutet, Kinder dieses Systems. Von frühster Kindheit an sind diese mit den Verhaltensnormen des Mainstreams und seiner Kultur- und Eventindustrie aufgewachsen. Dieser jahrzehntelange Einfluss der kapitalistischen Moderne hat sich tief in diese Gesellschaft eingeschrieben. Sie beeinflusst und formte die zwischenmenschlichen Beziehungen, lenkt die Bedürfnisse der Menschen und unterzieht alles dem Zwang der alternativlosen Eigennutzabwägung. Der diesem System zu Grunde liegende Wettbewerb fordert von seinen Teilnehmern freiwillige Unterwerfung als Maxime und hat sie dazu gebracht sich selbst eifrig zu einem Zahnrad zu verstümmeln, welches mit der geringstmöglichen Reibung funktioniert. Die in dieser Wettbewerbsgesellschaft zwangsläufig gelebte ›repressive Toleranz‹ (Herbert Marcuse) dient dabei den Interessen der Macht. All dies bedeutet, dass der sich formierende Protest, so begrüßenswert er ist, grundsätzlich auf diesen anerzogenen und erlernten Verhaltensnormen aufbaut und sich daher auch nur innerhalb dieses Systems, mit den Spielregeln dieses Systems ausdrückt.

Und genau das ist es, was wir beobachten müssen, wenn wir auf die FFF und andere Aktionsformen blicken: Mittelstands-Kids aus den satten, bürgerlichen Milieus, welche sich in ihrer Hilflosigkeit und in ihren simuliert nachhaltig-biologisch-korrekten Leben, in ihren selbstverliebten Aktionen, Initiativen und ach so originellen Kampagnen selbst feiern und ihre Freizeit gestalten, am nächsten Morgen aber von Neuem in die (System) Schulen strömen, um später schlussendlich mit bestmöglichen Abschluss ihren lukrativen Platz in diesem System, dem kapitalistischen Verwertungssystem, der Ursache allen Übels, zu finden (und es somit zu reproduzieren).

Dieser Protest ist dementsprechend nichts anderes, als unglaubwürdiger Aktionismus und dazu muss sich diese Protestbewegung auch die Frage gefallen lassen, weshalb sie erst jetzt auf der Bildfläche erscheinen. Heute, nachdem wir auch hier gefühlt mal gerade drei deutlich wärmere Sommer erleben durften, während in Teilen von Asien bereits die Klimalichter ausgehen. Wir wissen seit 30 Jahren vom Klimawandel und Paris liegt auch bereits über drei Jahre zurück und wir wissen auch, dass es heute bereits für wirksames Handeln zu spät ist – 2020 hätte der Kohleausstieg in trockenen Tüchern sein müssen, wenn das 1,5 Grad-Ziel noch gehalten werden sollte. Inzwischen kippen die ersten ›Tipping Points‹, die Kacke dampft also bereits beträchtlich, und der Klimawandel ist nicht mehr im gerade noch verträglichen Rahmen aufzuhalten. Es zeigt sich charakteristisch für diese zentrovertierte Gesellschaft, dass sich erst dann Protest regt – wenngleich brav verhalten – wenn der Makrokosmos in den eigenen kleinen Mikrokosmos einschlägt. Und wenn Protest dann doch tatsächlich irgendwann anrollt, dann findet dieser Protest auch noch vollkommen am Ernst der Sache vorbeigehend in Form von Events statt – Protest kann aber keine Party sein, wenn es für Millionen von Menschen um das nackte Überleben geht.

Um diese zerstörerische Ökonomie gegen etwas besseres zu ersetzen, bedarf es einer Gegenmacht in Form von ernsthaftem Widerstand. Solange Aktionen oder Demos aber in Form der Oberflächlichkeiten der Kulturindustrie und des Event Marketings ablaufen oder nur einmal in der Woche stattfinden, ist dies das genaue Gegenteil der erforderlichen Gegenmacht. Das ist harmlos, ungefährlich und letztlich nur der hilflose Versuch, der uns allen permanent in dieser bürgerlichen Gesellschaft aufgezwungenen Erscheinungsform der Untertänigkeit, der Selbstverharmlosung und der Selbstinfantilisierung gerecht zu werden, wie es Thomas Ebermann einst so prägnant beschrieb.

Wirkung hat dieser Protest nicht. Außer vielleicht, dass sich die Protagonisten besser fühlen – schließlich tun sie ja etwas – aber auch, wie bereits erwähnt, weil Attitüden und Selbstdarstellung großzügig ausgelebt werden können. Es wird „Revolution gespielt“, was von vielen, gefangen in den engen Grenzen ihres durchgetakteten Lebens aus Schule/Uni, Leistungsdruck und Angst vor dem Versagen/Abstieg, als Befreiungsschlag wahrgenommen und gefühlt wird. Eine Illusion, aber das Gemeinschaftserlebnis fühlt sich gut an. Protest aber wird nur dann zum wirkungsvollen Widerstand, wenn sauber zu Ende gedacht wird: Es gilt „radikal“ zu sein (von lat. „radix“ = Wurzel, also an die Wurzel gehend). Wir sollten es ihnen sagen – aber ob sie zuhören werden?

Ursache 3 – Integration, Kanalisation, Vereinnahmung

Die zumeist jungen und dadurch zwangsläufig lebensunerfahrenen Protagonisten der Fridays for Future oder der anderen sozialen Bewegungen, haben zu alledem ebenfalls nicht realisiert, in welcher Maßgeblichkeit sie als Spielfiguren, als Teil des Gesamtsystems, fungieren und missbraucht werden. Fernerhin ist ihnen in der Abgeschlossenheit ihrer Echokammern, unter „ihresgleichen“, überhaupt nicht gegenwärtig, wie isoliert sie vom „großen Ganzen“ doch im Endeffekt sind. Diese Behauptung der Abgetrenntheit hält selbst dann Stand, wenn sich möglicherweise eine Million Menschen oder mehr auf die Straßen begeben sollten. Dies zu erkennen, fällt naturgemäß den Protestlern als Teil einer solch möglicherweise stattlichen Gruppe von Menschen schwer, aber sie sind isoliert und sie bleiben es. Der Grund dafür wurde bereits erwähnt – der kapitalistische Realismus lässt nahezu alle Menschen glauben, dass es eine Gesellschaftsordnung fernab des Kapitalismus nicht geben kann. Der Kapitalismus aber müsste, wie bereits erläutert, überwunden werden, wenn es wirklich einmal grundlegend besser werden soll.

Ohne diese Massenbasis, welche das Ganze dieser Gesellschaft aufgreift, ist eine echte Revolution jedoch unvorstellbar. Solange diese Massenbasis sich aber lieber in Illusionen einer „sozialen Marktwirtschaft“, „Keynesianismus„ oder des „Green new deals“ hingeben, anstatt den ganz großen Schritt zu wagen, wird sich abgesehen von kleinen Veränderungen und Zugeständnissen hier und dort nichts nachhaltig verändern können. Es klingt hart, aber die ganz große Mehrheit dieser Gesellschaft will dieses System. Sie wollen es deshalb, weil sie glauben, es sei neben all seinen Desastern und Unglücken noch immer das beste aller Systeme und zugleich ist es auch das System, welches ihnen selbst am meisten konsumistische und kultur- und eventindustrielle Möglichkeiten und Optionen bietet.

Dieses Faktum haben alle Protestbewegungen der letzten 50 Jahre vollkommen falsch eingeschätzt bzw. verleugnet. Und daher machten auch alle Protestbewegungen bis heute, die gleichen Fehler. Blind und besoffen von den eigenen, oft selbstverliebten Aktionen, nicht selten im einem eingebildeten Bewusstsein, dass sie es besser könnten, als die Vorgenerationen, fühlen sie sich als eine Art Avantgarde von weiterdenkenden Vorreitern einer besseren Zeit. Es dauert meist nicht lange, bis sie von Medien und anderen Institutionen vereinnahmt werden.

In ihrem Rausch bemerken sie gar nicht, wie und wofür ihr Protest vom Repressionsapparat des Systems strategisch und wohlüberlegt benutzt wird. Der Protest wird in einem begrenzten Rahmen zugelassen, um den Veränderungsenergien der Protestler einen Spielraum zu bieten, in dem sie ihre Empörung artikulieren können und diese so die Illusion erhalten, beachtet zu werden. Das sind Abklingbecken, die überdies weitere Funktionen erfüllen. Denn das dieser niedrigschwellige Protest dabei gleich auf sein Gefährdungspotenzial für das System bewertet wird und dieses „Zulassen“ dieses Protestes zudem auch noch als Legitimation für das Funktionieren unserer Demokratie-Illusion herhalten muss, in der ja sichtbar jeder offen seine Meinung auf der Straße äußern darf, entgeht ihnen obendrein.

In diesen Abklingbecken wird der Protest in das System integriert, kanalisiert und letztendlich ins Leere geführt. Dieses „einerseits zulassen, andererseits verpuffen lassen“, hat für die meisten Protestierenden zur Folge, dass sich in ihnen im Laufe der Zeit das Gefühl festsetzt, dass sie sowieso nichts verändern können. Die Endstation: Die systemgewünschte Resignation und (Wieder) Anpassung in das System. Wir sollten es ihnen sagen – aber ob sie zuhören werden?

Fazit und Ausblick

Der Blick in die Geschichte macht deutlich, dass keine soziale oder ökologische Errungenschaft, welche die Profitrate schmälert (oder schmälern könnte), je von einer Regierung freiwillig in ein Gesetz gefasst worden ist. Alle Veränderungen mussten stets im Kampf den Kapitalinteressen abgetrotzt werden. Es geht, wenn etwas nachhaltiges erreicht werden soll, also um Kampf. Das sollten wir den Kindern und jungen Menschen sagen, wenn sie auf die Straße gehen und die Schule oder Uni schwänzen.

Wenn sie es aber mit ihrer Veränderungsenergie ernst meinen, sobald aus Protest also Widerstand wird, sobald dieser kontinuierlich und unangemeldet abläuft, sobald er außerhalb der durch das System vorgegebenen Spielregeln stattfindet und zudem vielleicht dann sogar dem System inhaltlich gefährlich werden könnte – sobald der Protest also nicht mehr zu kanalisieren und zu integrieren ist, ist es schnell vorbei mit dem angeblichen Recht auf Protest und es wird zwangsläufig zu einer Konfrontation mit den Ordnungsorganen des Staats (als Schützer des kapitalistischen Systems und der Besitzstandsverhältnisse) kommen. Wie die Polizei so etwas dann gestaltet, konnte bei unzähligen Demonstrationen von den 1960er Jahren bis zum Hambacher Forst 2018 bestaunt werden.

Auf der Straße, ob friedlich oder in Militanz (obgleich Militanz strategisch sinnvoll sein kann), liegt also offenbar nicht die Lösung parat.

50 Jahre Straßen- und Aktionsprotest haben vielleicht hier und dort einige Modifikationen erwirken können, aber das grundsätzliche Schad-Model, diese Ökonomie, blieb stets unangetastet. Im Gegenteil, dieses System wütet heute schlimmer, als jemals zuvor in der Welt. Solange die ökonomische Grundversorgung (Konsum) der Massenbasis einigermaßen sichergestellt war, wurde noch nie über die Straße das Ganze der Gesellschaft, eine Massenbasis, erreicht, geschweige denn mobilisiert. Der Hebel muss also anders angesetzt werden.

Bei diesen Überlegungen tut sich am Ende nur ein erkennbarer Weg für eine Änderung der bestehenden Verhältnisse auf: Die große Verweigerung. Einfach gar nichts mehr tun, statt wildem Aktionismus.

Der bekannte Sponti-Spruch der 1980er-Jahre „Stell dir vor es gibt Krieg und keiner geht hin.“ beinhaltet sinngemäß die simple und zugleich sauschwere Lösung: Dieses System muss unvermeidlich zusammenbrechen, wenn sich ihm genug (systemrelevante) Menschen entziehen und nicht mehr darin mitwirken.

Wer heute noch glaubt, dass es (durch Demos und Aktionen in der Form von Events etc.) gelänge, einer bürgerlichen Massenbasis vernunftbasiert abzuverlangen, ihre Ratenzahlungen für Haus und Auto oder die Ausbildung der Kinder zu gefährden, ist ziemlich naiv. So ist es gewiss tröstlich, dass diese Massenbasis dazu auch gar nicht gewonnen werden muss. Nein, diese Massenbasis wird einfach vor vollendete Tatsachen gestellt, nämlich die Tatsache, dass der Kapitalismus (einfach) ab sofort nicht mehr stattfindet.

Erreichen kann dies tatsächlich eine ganz bestimmte, zahlenmäßig kleine Gruppe von Menschen, da diese eine besondere Schlüsselposition innerhalb dieses Gesellschaftssystems inne haben bzw. bald inne haben werden und überdies noch am flexibelsten von allen in der Bevölkerung erscheinen. Es sind genau die selben (jungen) Menschen, die sich schon jetzt jeden Freitag treffen, um ihren Unmut, wenngleich zumeist inadäquat in Eventform, zu äußern bzw. die jungen, im Regelfall studentischen Aktivisten, in ihren anderweitigen, gleichermaßen zahnlosen und oft auch dem Ernst der Lage unangemessenen Aktionen. Allerdings müssten sie es ab sofort richtig machen.

Es ist simpel. Wenn sich Studierende nicht mehr mittels auf Linie gebrachter Kapitalismus-Kader-Hochschulen einer kapitalistischen Wirtschaft anbiedern wollten, gehen für diese Wirtschaft die Lichter aufgrund fehlenden Führungsnachwuchses sehr schnell aus. Das gleiche gilt für die noch jüngeren. Wenn diese sich weigern würden weiterhin auf diese Schulen zu gehen, dann bräche im Establishment erst das große Zittern aus, und wenn die Kiddys es durchhalten würden, das System sehr schnell zusammen. Dies wird aber wohl bemerkt nur funktionieren, wenn diese gar nicht mehr zur Schule oder in den Hörsaal gehen! Nicht nur ab und zu oder einmal in der Woche ein Event gestalten. Generalstreik des Nachwuchses der (sogenannten) Eliten – und es heißt Feierabend Kapitalismus!

Sie könnten es tatsächlich schaffen. Sie haben die Schlüsselposition inne, sind noch nicht wirtschaftlich im System festgesetzt und noch relativ flexibel. Sich dem System entziehen und es öffentlich machen, warum sie es tun – das ist die Lösung und der Weg.

Das könnte sich für studierende dann in etwa so anhören: „Ich lasse mich nicht mehr in diesen Hochschulen ausbilden, da der einzige Zweck dieser Hochschulen (seit der Bologna-Reform) darin besteht, unkritische Schmalspur-Absolventen für den kapitalistischen Arbeitsmarkt zu produzieren. Ich soll später in einer Führungsposition dieser zerstörerischen Wirtschaftsform diese reproduzieren und zudem maßgeblich dafür verantwortlich sein, dass diese unvernünftige Art zu wirtschaften weiterhin den Planeten und viele seiner Menschen zerstört. Nicht mit mir!“

Der Weg ist prinzipiell trivial. Theoretisch. Wenn da zum einen nicht die große Angst wäre, im Rattenrennen des Wettbewerbs auf der Strecke zu bleiben, falls nicht alle mitziehen würden. Und zum anderen die Vorzüge dieser Wirtschaftsform und seiner Kulturindustrie, hier in den Zentren des Kapitalismus, für einen selbst nicht so verlockend wären. Und zuletzt bleibt da noch die Frage – was kommt nach dem Kapitalismus, wenn er erst mal zusammengebrochen ist?

Darin besteht die große Aufgabe dieser Protestgeneration: Sich der drei grundsätzlich fehlerhaften Grundannahmen bewusst zu werden, alle Attitüden abzulegen, um dann Einigkeit und Mut unter den jungen System-Nachwüchslern für die große Verweigerung zu Stande zu bringen.

Viel Erfolg.

Nun haben wir es ihnen gesagt – ob sie zugehört haben?


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