Der urbane Raum

Ein Kommentar von Klimus

Der gesamte urbane Raum (städtisches Gebiet) wird heute durch das Auto dominiert. Wir müssen uns fragen, warum dies so ist und warum es einer großen Anzahl von autofahrenen Menschen nicht gelingt, eine realistische und vernunftbegründete Bewertung ihrer PKW-Nutzung vorzunehmen. Fakt ist, unsere heutige Gesellschaft ist dem Auto verfallen und sie ist verroht: Eine Gesellschaft, in der es als normal angesehen wird, dass diejenigen, welche die Autos dieser Gesellschaft bauen und reparieren höher honoriert werden als diejenigen, welche die Kinder dieser Gesellschaft betreuen und bilden, spricht für sich und ist per se als abnorm zu bezeichnen. Wie konnte es dazu kommen?

Die Vorherrschaft des Autos entspringt zum einen aus seinem gefühlten, angenommenen Nutzeffekt einer persönlichen Unabhängigkeit, welche es ermöglicht jederzeit, in einem für sich privaten, kleinen Raum, der das persönliche Bedürfnis nach Annehmlichkeit, Behaglichkeit, Gemütlichkeit, Komfort und Vorzug zu erfüllen scheint, nahezu überall hin zu gelangen. Zum anderen, weil das Auto die nachteiligen, aber vom Menschen nicht unbedingt als negative Seiten wahrgenommen Wesenszüge wie Bequemlichkeit, Gleichgültigkeit, Interesselosigkeit, Passivität, Teilnahmslosigkeit und Trägheit protegiert und die daraus resultierenden negativen Folgen für den Autofahrer selbst, vor allem aber für seine Umwelt, ausgeblendet werden. Und das Ausblenden erscheint einfach, denn wie beim Rauchen sind die Folgen des negativen Handelns für den Autofahrer nicht sofort spürbar, sondern wirken erst langfristig – wenngleich auch sehr umfassend und massiv.

Illusionen über Illusionen

Betrachten wir den gefühlten Nutzeffekt des Autos näher, so zeigt sich, dass dieser in den allermeisten Fällen auf Illusionen beruht. Der Prozentsatz der Menschen, welcher das Auto dazu benutzt, um spontan oder überhaupt längere Stecken zurückzulegen, ist verschwindend gering. Die allermeisten Fahrten mit dem Auto geschehen auf Kurz-Strecken, also auf Strecken, die auch spielend anders zurückgelegt werden könnten. Ein eindrucksvolles Beispiel ist hierbei der Weg zur Arbeit – eine allseits beliebte Rechtfertigung für die eigene PKW-Nutzung: Eine Studie des Bundesministeriums für Verkehr und Infrastruktur belegt, dass ganze 24,6 Millionen der 30 Millionen pendelnden Autofahrerinnen und Autofahrer ihren Arbeitsweg statt mit dem Auto beispielsweise auch mit dem E-Bike oder gar Fahrrad zurücklegen könnten, da 82 Prozent der pendelnden einen Arbeitsweg von unter 25 Kilometern und jeder zweite sogar weniger als zehn Kilometer zur Arbeit fährt.

Was also vielfach übrig bleibt, ist die eigene Bequemlichkeit, welche aber eben auch ihre dunkle Seite hat. Leider scheinen die autofahrenden Massen intellektuell nicht in der Lage zu sein, zu registrieren, dass das, was sie als angenehm und positiv empfinden, letzlich (auch für sie selbst) gar nicht positiv ist – sondern das Gegenteil. Bequem im Auto, jede noch so kurze Strecke sich selbst im Auto zu kutschieren, birgt neben den vielen Nachteilen für andere, auch erhebliche Nachteile für den Fahrer selbst: Ärzte betonen, dass viele Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht aus Bewegungsmangel und die daraus resultierenden Krankheiten wie Hypertonie etc. deutlich abnehmen und die Menschen im allgemeinen gesünder, kräftiger, belastbarer und ausgeglichener sein würden, wenn öfter das Fahrrad genutzt würde oder kurze Strecken auch mal wieder zu Fuß gegangen werden. Wer sich nach dem Arbeitstag auf dem Nachhauseweg auf dem Fahrrad bewegt, kommt entspannter zu hause an und kann sich das Fitness-Center sparen.

Alle Daumen runter

Freilich gibt es auch Fälle, in denen aus irgendwelchen Gründen auf ein Auto mit Verbrennungsmotor zurückgegriffen werden muss, aber auch dann braucht Vernunft nicht abgeschaltet sein: Warum muss man 2 Tonnen Stahl, Glas und Kunststoff im SUV, Limousine oder Porsche bewegen, um 80 kg Mensch von A nach B zu fahren? Das möchte ich doch einmal sachlich erklärt bekommen. Ein solches Monstrum zu fahren kann vor dem Hintergrund der Klimarealitäten und gesundheitlichen Auswirkungen auf die Menschen der Umgebung weder Ausdruck eines »persönlichen Erfolges« noch »cool« sein, sondern ist vielmehr dissozialer Ausdruck infantiler Ungebildetheit und deshalb vollkommen uncool. Dies solltest du solchen Leuten auch eindeutig mit dem »Daumen runter« signalisieren – und zwar jedesmal, wenn dir ein solch Ewiggestriger im öffentlichen Raum begegnet. Hab Mut, hole solche Menschen aus der Steinzeit in die Neuzeit – wo immer du kannst!

Verheerende Bilanz

Wir müssen uns den Realitäten stellen, vor allem Autofahrer müssen sich den Realitäten stellen, was Autofahren (mit Verbrennungsmotor) für die Menschen in der Umgebung und für die Umwelt im allgemeinen bedeutet.

Und das hat es in sich – wer heute noch vollkommen unbeirrt den Verbrennungsmotor nutzt und sich einen fechten Kehricht um die durch ihn/sie verursachten Folgen schert, der/die darf zweifellos zurecht und ohne Bedenken als ziemlich unappetitliche Körperöffnung bezeichnet werden. All die bequemen, gleichgültigen Ignoranten, die nicht bereit sind, sich über nachhaltige Mobilität Gedanken zu machen und das Benutzen von Fahrrad, E-Bike, Bus- und Bahnen, das Bilden von Fahrgemeinschaften oder den Umstieg auf ein Elektroauto ablehnen, penetrieren, schädigen und vergiften Kinder, Erwachsene, sich selbst und die Umwelt mit:

  • Schwefeldioxid, SO2 (verätzt die Lunge und schädigt die Atmung)
  • Kohlen(stoff)dioxid, CO2 (verdrängt Sauerstoff, spielt bei der Boden-Ozonentstehung eine große Rolle, ist als maßgebliches Klimagas für die Erderwärmung verantwortlich)
  • Kohlen(stoff)monoxid, CO (farbloses, geruchloses und geschmackloses Lungengift, bei Überdosis tödlich)
  • Stickoxide NOx (Säurebildner, Asthmaauslöser, allgemein umweltschädlich für Pflanzen, aber auch für Bauwerke)
  • Benzol, C6H6 (giftig, erbgutschädigend, krebseregend)
  • Rußpartikel (krebserregend)
  • Lärmemissionen (macht auf verschiedene Weisen krank, psychisch stark belastend, Fauna verdrängend)

Aber das ist noch nicht alles. Weitere negative Folgen sind…

  • …die Eingangs angesprochene nahezu gesamte Einnahme des öffentlichen Raumes. Überall stehen oder fahren diese Blechkisten rum.
  • …die hohen Kosten. Jährlich entstehen auf deutschen Straßen Schäden in Höhe von 88 Milliarden Euro. PKW und LKW müssten als Verursacher 2.100 Euro jährlich zusätzlich an Steuern zahlen, um die angerichteten Schäden auszugleichen – stattdessen trägt die gesamte Gesellschaft dieses Zerstörungswerk.

Den urbanen Raum zurückerkämpfen

Der vernünftige Mensch kann sie nicht mehr hören – all die lahmen Ausreden, dass es ohne Auto gar nicht ginge. Ob es der Weg zur Arbeit oder sonst was ist – immer wieder die gleiche Leier. Fakt ist, es geht. Mensch muss es nur wollen. Keiner verlangt, dass überhaupt kein Auto mehr genutzt werden darf, sondern lediglich, dass das Auto als letzte Ausnahme klug und überlegt genutzt wird. Das hat nichts mit dem Einschränken der persönlichen Freiheit der Autofahrenden zu tun, das hat lediglich etwas damit zu tun, dass autofahrende damit aufhören müssen, bei ihrer privaten »Freiheitsausübung« mittels Verbrennungsmotor die Menschen in Ihrer direkten Umgebung in ihren freiheitlichen Rechten nicht nur einzuschränken, sondern eindeutig zu verletzen, bis hin zur Körperverletzung. Das Recht vieler steht nun einmal zweifelsfrei über dem Recht des Einzelnen, besonders dann, wenn die Mehrzahl dabei körperlich und psychisch leiden muss.

Das vielleicht überraschendste an all dem ist aber, dass wer einmal den Umstieg zur Vernunft angegangen ist, der wird in relativ kurzer Zeit bemerken, wie vorteilhaft und erfüllend dieser Weg ist. Fahrradfahren beispielsweise wird zur »Lust pur« und die Vorstellung, dass man vor kurzer Zeit selbst noch ein Teil dieser trägen Schadelemente war, weckt Schamgefühle und Unverständnis über die eigene, ehemalige Blödheit. Das höre ich immer wieder, wenn ich mit Menschen spreche, die vom Auto aufs Fahrrad umgestiegen sind. Und noch schöner wäre es, wenn es noch weniger Stinker gäbe – also rauf aufs Rad!

»We’re not blocking traffic, we ARE traffic«

Jeder kann mitmachen, jeder kann ein Teil der Vernunft sein. In nahezu jeder großen Stadt weltweit gibt es beispielsweise eine Critical Mass – Bewegung (siehe Video oben). »Critical Mass« ist eine kreative Form des Straßenprotests, bei der sich mehrere Fahrradfahrerinnen und Fahrradfahrer an einem bestimmten Termin im Monat treffen, um gemeinsam durch Innenstädte zu fahren und nach dem Motto »We’re not blockig traffic, we ARE traffic« auf ihre Gleichberechtigung gegenüber dem motorisierten Verkehr aufmerksam zu machen. Es geht um eine Einforderung auf das Recht sich sicher im Verkehr zu bewegen, es geht nicht darum, anderen Verkehrsteilnehmern das Recht auf die Teilnahme am Straßenverkehr zu verweigern, sondern ihn allen zu ermöglichen.

Eine Besonderheit bei den Ausfahrten ist die Tatsache, dass nach § 27 StVO eine zusammenhängende Gruppe von mehr als 15 Radfahrerinnen und Radfahrern als geschlossener Verband gilt, für den dann die Verkehrsregeln eines einzelnen Fahrzeuges gelten. So darf der gesamte Verband in einem Zug über eine Kreuzung mit Ampel fahren, selbst wenn diese zwischenzeitlich wieder auf Rot umschaltet – ähnlich wie ein langer Sattelzug oder eine Militärkolonne. Alle anderen müssen solange warten, bis der Zug durchgefahren ist. Ferner gilt für die teilnehmenden Radlerinnen und Radler, dass sie auf der Fahrbahn nebeneinander fahren dürfen und wenn sich wie im Mai 2016 in Kiel über 300 Menschen zur Ausfahrt treffen oder gar in Hamburg mehrere Tausend zusammenkommen, ergibt dies einen wundervollen, langen Zug, der allen Teilnehmenden ein phantastisches, neues Stadt-Gefühl vermittelt. Verschiedenste Menschen auf verschiedensten Fahrrädern zeigen auf entspannte Art und Weise, dass sie da sind und dass sie kein Verkehrshindernis, sondern zu respektierender Verkehr sind – und zwar der sinnvollste Individualverkehr in der Stadt.

Termine zur nächsten Fahrt und weitere Informationen findest du auf den Webseiten der jeweiligen Masses (Links für Kiel und Hamburg siehe unten). Fahr mal mit – du wirst es nicht bereuen!

Also Autofahrer, sei keine unappetitliche Körperöffnung, werde sozial und verantwortungsbewusst. Mach mit, steig um aufs Rad!


Dieser Artikel könnte dich auch interessieren: Es ist geschafft – Alle Städte Deutschland erfüllen den Standardt Luftkurort

Weitere Artikel von Klimarelevant zum Thema findest du unter der Kategorie »Mobilität«

Links zu Critical Mass Kiel: Webblog, Facebook 

Links zu Critical Mass Hamburg: Webblog, Facebook

(1) Hinweis zum eingebetteten you-Tube-Video: Aufnahmen einer Critical-Mass-Fahrt in Kiel von Kimia A, Janos U mit der Musik von KlangKuenstler.

5 Gedanken zu „Der urbane Raum

  • 4. Juni 2016 um 17:56
    Permalink

    Also zunächst einmal gibt es auf beiden Seiten Dummköpfe, nur die Blechernen sind allein wegen ihrer Masse deutlich gefährlicher. Was ich auch nicht verstehe, dass manche Pedaler so uncool fahren. Vollkommen gehezt, so als wollten sie den Autofahrenden zeigen, dass sie auch schnell sein können. Keine Ahnung, was da für Komplexe in den Köpfen rumgeistern. Macht euch doch mal n bisschen lockerer, Freunde!

    Ansonsten denke ich genau wie der Autor, dass die Bequemlichkeit der Aspekt ist, warum die Couch-Kartoffeln ihren Hintern nicht aus der Karre bekommen. Eigentlich sind diese Gestalten doch bemitleidenswerte Schlaffis, oder? Und solange der Gesetzgeber Autofahren nicht massiv verteuert (wird er aber nicht machen, er will ja wiedergewählt werden), werden diese Schlaffis auch weiterhin uns alle vergiften.

    Mein Traum: Liter Benzin 5 Euro. Dann klärt sich das alles automatisch. Ihr werdet sehen, wie viele Menschen dann plötzlich Alternativen nutzen werden. Sinnlos-Fahrzeuge wie SUV und Co. mit einer Sondersteuer von 1000 Euro jährlich belegen. Ausbau der Radwege (gleichberechtigt, siehe Kopenhagen oder Amsterdamm), öffentlicher Nahverkehr umsonst und mit den Mehreinahmen der Maßnahmen finanzieren/teilfinanzieren.

    Es ist eigentlich ganz einfach um zu einer Welt zu kommen, wie ihr in euer witzigen Glosse „Es ist geschafft – Alle Städte Deutschland erfüllen den Standardt Luftkurort“ beschrieben habt… 🙂

    Antworten
  • 4. Juni 2016 um 16:54
    Permalink

    neben der abgasproblematik ist es genau so fakt, dass sich viele autofahrer einfach wie ar…löcher benehmen. sie denken, ihnen gehören die strassen und wehe ein radfahrer wagt es sich auf ihre strasse. gestern wurde ich überholt – nichts ungewöhnliches, aber zwischen mir und dem auto lag noch eine verkehrsinsel, über die ein zebrastreifen führte und die dieser trottel auch noch links umrundete. es ging ihm nicht schnell genug.

    Antworten
  • 3. Juni 2016 um 16:33
    Permalink

    Ich finde, dass die Autofahrer ein Recht darauf haben, ihre Abgase selbst zu inhalieren. Ich fordere eine Verlegung des Auspuffrohres ins innere des Fahrzeugs. Sollen die ihren Mist selber weginhalieren!

    Antworten
    • 3. Juni 2016 um 16:45
      Permalink

      Die Inhalieren das ja schon längst – sie merken das blos nicht, weil die Innenraumfilter die Geruchspartikel rausholen. Sie bekommen zwar weniger Ruß ab, aber all das andere Zeugs gelangt auch in den Innenraum. Wenns dann auf die Rente zugeht, kommt das große Wundern auf, warum statt der rentnerlichen Ruhejahre der Krebs kommt…

      Antworten
  • 2. Juni 2016 um 12:51
    Permalink

    Sehr schön geschrieben! Und so wahr. Mass ist cool – uns bleibt doch gar nichts anderes übrig, als uns mit Kreativität gegen die Dummheit zu behaupten. 🙂 So denn, Smoothy

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.