Von offiziellen Statistiken zum Klimawandel

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Smog durch Industrieproduktion in China. ©Fredrik Rubensson / CC BY-SA 2.0 (via Wikimedia Commons)

Viele offizielle Statistiken über den Ausstoß von Klimagasen stellen die Tatsachen auf den Kopf. Diese Statistiken haben einen bestimmten Zweck. Leider ist dieser Zweck nicht Profundität. Über die Bilanzfälschertricks der Lobbyisten.

Seit vielen Jahren erleben wir die gleichen Abläufe. Auf irgendwelchen Klimakonferenzen weltweit treffen sich tausende Delegierte und beschließen mittels durchdachter Wortakrobatik irgendwelche Klimaabkommen – zuletzt im Dezember 2015 in Paris. Diesmal erlebten wir nach Paris, dass das dort beschlossene Abkommen von der weltweiten Presse als Meilenstein in den Himmel geschrieben wurde. Heute, rund ein halbes Jahr später, erkennen immer mehr Menschen, dass auch dieses Abkommen nichts als hohle Luft zu sein scheint – wir berichteten hier und hier und könnten faktisch fast jeden Tag einen Artikel über einen politischen oder Industrie-Vertreter veröffentlichen, der mittels Angstkampagnen die Zielsetzungen des Klima-Vertrages so schnell es geht zu den Akten legen möchte. Auch der Klimagipfel von Paris scheint wieder einmal lediglich die Hauptfunktion zu erfüllen, mittels viel Tam Tam ein Abklingbecken für die Ängste vieler Menschen auf dem Globus bereitzustellen und ein unterzeichneter Klimavertrag soll diese Menschen zumindest für eine Zeit lang ruhig stellen, um so die Kapitalakkumulation mittels fossiler Energie weiterhin sicher zu stellen. Und was geschieht nach dem verebben der Wirksamkeit dieser Beruhigungspille? Es kommt das nächste Abklingbecken. Das war 2011 so, als Mojib Latif dieses in einem Interview mit dem Magazin GEO feststellte, das ist heute so und wird morgen auch noch so sein. Derb formuliert – wir werden »veräppelt«. Denn die Tatsache ist: Es gibt keine Fortschritte!

Seit 1990 ist der weltweite Ausstoß von Kohlendioxid um etwa 40 Prozent gestiegen, allein im vergangen Jahrzehnt um 30 Prozent! Rund neun Zehntel resultieren dabei aus der Energieerzeugung mittels fossiler Energieträger. Das sind Fakten. Unbequeme Fakten, wenn man die vollmundigen Reden und Versprechungen seitens der Politik betrachtet. Um die Verantwortung für den Klimawandel auf andere abzuschieben, bedienen sich die alten Industriestaaten simpler Bilanzfälschertricks der Betriebswirtschaft. Ziel? Richtig, die Länder Asiens, insbesondere China und Indien. Schauen wir genau hin.

Die Unglaubwürdigkeit der alten Industrienationen

Viele der westlichen Industrienationen, also die alten Industriestaaten, allen voran die Vereinigten Staaten von Amerika, verweisen bezgl. der Treibhaus-Emissionen auf China und Indien. Allein die USA und China sind zusammen für etwa 40 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich, beide Länder weigern sich aber hartnäckig, sich verbindlich zur Reduktion zu äußern, bzw. mit Taten zu überzeugen. Dabei ist China heute tatsächlich der größte Emittent und ohne eine Verpflichtung der Chinesen wollen sich die USA nicht festlegen, zumal weitere gigantische Kohlekraftwerke in China und Indien geplant sind. Die Zahlen scheinen eindeutig gegen China zu sein, dennoch folgen die Chinesen der amerikanischen Logik nicht – und das aus durchaus nachvollziehbaren Gründen:

  1. Unser westlicher Lebensstil. Klimagerechtigkeit muss und kann nur Pro-Kopf gemessen werden. Der Pro-Kopf-Ausstoß von CO2 (nicht die Gesamtmenge) ist als das eigentliche Maß der Unvernunft und Verschwendung. Und jetzt wird es eng für uns hier im Westen: Ein US-Bürger zeichnet sich für etwa 17 Tonnen CO2/Jahr verantwortlich, jeder Deutscher für etwa 12 Tonnen/Jahr, der OECD-Durchschnitt liegt bei etwa 10 Tonnen pro Kopf und pro Jahr. Ein Chinese hingegen belastet die Atmosphäre hingegen „nur“ mit ca. 5 Tonnen/Jahr und ein Inder mit nicht mal 2 Tonnen/Jahr CO2! Das sind Fakten. Die immer wieder geforderte ›Kohlegerechtigkeit‹, nach der jeder Mensch das gleiche Recht besitzen muss, Kohlenstoff zu verbrauchen, ist also ein Witz. Wir im Westen scheinen ja (wie so oft) zu meinen, besondere Rechte zu haben.
  2. Die historische Verantwortung der westlichen Industrieländer. Und die hat es in sich. Die heute verwendeten Statistiken zum Klimawandel, die auf nur wenigen Jahren basiert, ist schlicht unglaubwürdig und irrelevant. Warum ist das so? Kohlendioxid verweilt nämlich rund 100 Jahre in der Atmosphäre und das Klima reagiert aus diesem Grunde auf die über viele Jahrzehnte kumulierten Emissionen. Das heißt, das der heutige Klimawandel von bereits aktuell 1 Grad das Resultat aller CO2-Emissionen der letzten 100 Jahre ist, und im 20. Jahrhundert haben diesen allein die USA, genau wie Europa, mit jeweils 30 Prozent der Emissionen fast vollständig verursacht. Chinas Anteil hingegen ist so minimal, dass dieser in der Statistik keine nennenswerte Rolle spiel, denn die Industrialisierung begann dort erst vor wenigen Jahren.
  3. Die grauen Emissionen. Das sind Emissionen, für welche die Industrienationen des Westens zwar verantwortlich sind, die ihnen aber nicht angerechnet werden. Aus welchem Grunde wohl steigen die Emissionen in Asien so rasant an? Ein kritischer Mensch kommt von allein darauf: Sie steigen deswegen so rasant an, weil die westlichen Industrienationen große Teile ihrer dreckigen Industrieproduktionen in das Niedriglohn-Asien exportiert haben, die Produkte aber wiederum hier konsumiert werden. Die westlichen Industrieländer haben also den für den eigenen Konsum anfallenden CO2-Ausstoß ganz einfach exportiert und diese sogenannten grauen Emissionen werden dann einfach den Ländern aufgeschlagen, in denen die Fabriken stehen – nicht den Ländern, die die produzierten Waren zum allergrößten Teil verbrauchen!

Eine angemessene nationale Emissionsbilanz muss daher logischer- und auch gerechterweise die weltweit anfallenden Emissionen enthalten, die bei der Herstellung der in einem Land benutzen Produkte verursacht werden! Genau dies ist aber nicht der Fall und so kann hier ganz eindeutig davon gesprochen werden, dass die westlichen Industrieländer sich ihre eigene CO2-Statistik schönrechnen.

Fazit

Realistisch gesehen ist die Haltung der Chinesen somit absolut nachvollziehbar. Insbesondere, wenn man die grauen Emissionen betrachtet. Die renommierte US-Fachzeitschrift ›Proceedings of the National Academy of Sciences‹ berechnete diesbezüglich, dass sich allein die Emissionsbilanz der US-Amerikaner um rund 10 Prozent erhöhen würde, wenn man korrekt bilanzieren würde. In Deutschland erhöhten sich die Emissionen sogar um 26 Prozent(!) – ausrechnet Deutschland, welches sich immer wieder als Vorbild in Sachen Klimaschutz ins Bild zu setzen versteht. Deutschland würde sogar ohne den Umweg über die Produktion in anderen Ländern nicht mal das alte Kyoto-Protokoll erfüllen können, mehr noch, sie würden es weit verfehlen! Und umgekehrt würde China bei Abzug aller grauen Emissionen mehr als 22 Prozent weniger CO2-Emissionen in ihrer Bilanz aufweisen! Bilanzierte man also korrekt, dann würden sich die Pro-Kopf-Emissionen demnach noch weiter zu Ungunsten der westlichen Industrienationen verschieben.

Wir, die alten Industrieländer, bewegen uns also auf sehr, sehr dünnem Eis, wenn wir die sogenannten Schwellenländer an den Pranger stellen. Unser Wohlstand ist durch den bereits existenten Klimawandel erkauft worden und dies tun wir noch immer. Wir müssen uns dieser historischen und der aktuellen Verantwortung stellen und beim Klimaschutz voranschreiten! Alles andere wäre charakterlos und unlauter. Das bedeutet aber auch, dass alle Umdenken müssen, die konsumieren. Alle, auch Sie und Sie und Sie da hinten auch! Wenn Sie also weiterhin so viel Auto fahren, obwohl sie viele Stecken auch mit dem Bus oder Rad fahren könnten, machen Sie sich schuldig. Wenn Sie weiterhin auf Ökostrom verzichten, dann sind Sie mit verantwortlich für das millionenfache Leid und Sterben, was durch den Klimawandel entstanden ist und noch entstehen wird. Und wenn Sie weiterhin so konsumieren wie bisher, ebenfalls. Also, tun Sie etwas – Tipps dazu gibt es hier.

Ein Gedanke zu „Von offiziellen Statistiken zum Klimawandel

  • 26. April 2016 um 18:07
    Permalink

    Nicht schlecht, Herr Specht! Ich muss zugeben, das ich das von der Seite noch nicht betrachtet habe. Es kann einem wirklich übel dabei werden. Wir werden nicht nur veräppelt, wir werden verarscht. Das triffts besser.

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