Gesellschaftliche Determinanten

unvernunft

Der große Verbrenner – Unvernunft oder Ausdruck von Freiheit?

Die zentrale Frage, welche wir uns stellen müssen ist, warum diese Gesellschaft nicht in der Lage zu sein scheint, ihre eigenen Lebensgrundlagen zu erhalten, indem sie von ihrem rapide voranschreitenden, zerstörerischen Einwirken auf die Umwelt ablässt. Die Fakten zum Klimawandel liegen methodisch eruiert, als wissenschaftlicher Konsens ausgebreitet auf dem Tisch – für jeden zugänglich, für jeden verständlich. Dennoch ignorieren breite Teile dieser Gesellschaft die von den Fachleuten der Welt bereitgestellte Diagnose. Wie kann das sein?

Dieses beiseiteschieben von wissenschaftlichen Fakten ist aufschlussreich, lässt es sich doch immer wieder in der Vergangenheit und Gegenwart detektieren. Die Motivation zum Handeln ist von den unmittelbar spürbaren Folgen abhängig. Ist aber das Individuum beispielsweise erkrankt, werden ärztliche Diagnose und Anweisung zur Heilung peinlich genau eingehalten. Beim Klimawandel ist dies aber gänzlich anders. Die Folgen scheinen in weiter Ferne oder uns gar nicht betreffend. Da ist dann alles bestimmt nicht so schlimm, da wollen wir doch erst mal abwarten und überdies, gab es Klimaveränderungen nicht schon immer? Und so fährt eben der Nachbar stellvertretend für viele andere auch weiterhin in seinem 6-Zylinder zum 1000 Meter entfernten Bäcker, die Automobilindustrie zündet weiterhin ihre Nebelkerzen, um die für sie im Augenblick unrentable Elektro-Mobilität weiterhin auf Eis liegen lassen zu können und die Industrie fährt mit ihren Angst-Kampagnen, angefangen vom simplen Stromausfall und höheren Strompreisen bis zum massiven Arbeitsplatzverlust und Wohlstandverlust, fort. Verantwortlich und vor allem nachhaltig mit der Umwelt umzugehen wird in dieser Gesellschaft mit dem Untergang des Abendlandes gleich gesetzt, da man ja in die Steinzeit zurück versetzt werde, wenn man auf das geliebte Verbrenner-Vehikel verzichtet – ganz so, als gäbe es als Alternative für den Verbrenner nur Pferdewagen oder Fußmarsch.

Gesellschaftliche Determinanten

Steinzeitliches Denken offenbart aber vielmehr ein Handeln, was die Lebensgrundlagen zerstört, anstatt sie zu bewahren. Was also ist nun die Ursache für dieses destruktive Denken und Handeln? Die Antwort darauf erscheint einfach – Einfalt, oder simpel ausgedrückt, Dummheit. Aber ist das tatsächlich die Antwort? Nein, es ist vielmehr eine Beschreibung des Symptoms – die eigentliche Ursache für dieses Verhalten bleibt unberührt.

Das porschefahrende Individuum, welches als eine auf alle übrigen Verantwortungsbereiche übertragbare Metapher ausgewählt sei, welches »das Porsche fahren« als nach außen gerichteten Ausdruck seines persönlichen »Erfolges« zelebriert, ist zunächst Klimasünder, welches mit der Zukunft unserer Kinder das eigene Ego streichelt – unter humanistisch-ethischer Betrachtung ist es asozial. Der absurde Automatismus dieser Gesellschaft: Den eigenen, ökonomischen Erfolg als den »wahren« Erfolg zu definieren. In der Lehre des Wahren, im Wertgebäude der Ethik, kann Erfolg aber nur als »wahrer Erfolg« definiert werden, wenn dieser als Spiegelbild der Wirklichkeit nicht auf Kosten der anderen geht. Der Philosoph John Hacker-Wright stellt fest: »Zivilisation kann nur dann bestehen, wenn Menschen miteinander um ihrer selbst willen achten und wertschätzen. Eine Gesellschaft bösartiger Egoisten kann Kultur weder erwerben noch erhalten.«

Auch wenn das porschefahrende Individuum sich vorzumachen vermag, dass es mit dem Kauf des teuren Verbrenners »die Wirtschaft« ankurbelt und somit doch auch irgendwie gutes tut – was könnte mit den rund 150.000 Euro alles an tatsächlich positiven bewerkstelligt werden? Nur was ist dies für eine Wirtschaft, welche sich dadurch auszeichnet, dass diese auf der einen Seite glitzernde Metropolen und unermesslichen Reichtum generiert und auf der anderen Seite alle fünf Sekunden ein Kind an den Folgen von Unterernährung sterben lässt? Welche Rolle spielt Geld dabei? Die Crux dieser Ökonomie ist nicht die, dass diese sich nicht in der Lage sieht, genug Lebensmittel für alle zu produzieren – die unabänderliche Geißel dieser Ökonomie ist die inhumane Realität, dass in dieser Wirtschaftsordnung ein Bedürfnis, welches nicht zahlungsfähig ist, ökonomisch schlicht und einfach nicht existent ist! Wo alleinig für das mehren von Kapital gewirtschaftet wird, anstatt im Zeichen der Vernunft in einer vernunftorientierten Reihenfolge die Bedürfnisse aller Menschen zu befriedigen – zuerst genug zu Essen, Kleidung, Unterkünfte für alle, Umwelterhaltung, Aufhalten der Klima-Katastrophe etc. und erst dann Porsche (natürlich mit Elektromotoren) und Segelboote usw. zu produzieren – kommt eben das dabei raus, was wir heute beschämt als Realität wahrnehmen müssen, trotz all der vorhandenen Intelligenz der Eliten. Diese Intelligenz, insbesondere die der vorherrschenden Wirtschaftswissenschaften mit ihren daraus resultierenden Wirtschaftseliten, offenbart einen gravierenden Mangel an strategischer Reflexivität des Denkens in der ethisch-humanistischen Kultur. Entscheidend für eine richtige Welt wäre die soziale Intelligenz.

Und so müssen wir feststellen, dass alles, was innerhalb dieses Systems gegen den Klimawandel an Maßnahmen aufgeboten werden kann,  zu wenig ist und zu spät kommen muss und dass im heutigen Kapitalismus, mit der Freiheit als höchsten Wert der Gesellschaft, der Freiheit, trotz Klimaschädlichkeit und (ver)hungender Kinder »Porsche fahren zu dürfen«, eine Absolutheit inne wohnt, die keine Rücksicht kennt. Bereits Friedrich Hegel beschrieb diese rücksichtslose Freiheit: »Man muss, wenn von Freiheit gesprochen wird, immer wohl acht geben, ob es nicht eigentlich Privatinteressen sind, von denen gesprochen wird.« Schuldbeladen ist nicht unser porschefahrendes Individuum allein, die Ursachen für all das beschriebene Elend liegen in der breiten Gesellschaft begründet. Bei allen, die ein solches System aufrecht erhalten – ob als kleine opportunistische Wasserträgerin oder als oberlehrerhaft auftretender Angestellter einer Bank. Es ist das System einer egoistischen und verrohten Gesellschaft, deren Protagonisten sich hervorragend darauf verstehen die Scheuklappen anzulegen und ihr eigenes (Nicht)-Handeln schön zu denken und zu reden. Diese Gesellschaft akzeptiert nicht nur den Klimawandel abseits der eigenen Sphären und Elend und Not solange es einem selbst gut geht, fast alle streben danach, selbst den Porsche fahren zu können und auch noch das nächste Haus zu erwerben. Man bleibt in seiner Matrix, denn in der perfiden Logik dieser Gesellschaft sind zweifelsfrei die von Not gebeutelten Betroffenen immer selbst Schuld an der Misere.

Die kalkulierte Misere

Das im März erschienene Buch »Kalkulierte Misere« legt stringent dar, dass unsere Misere nicht zufällig, sondern bewusst und kalkuliert ist. Es verlässt die Symptomebene und geht den folgenschweren, gesellschaftlichen Mechanismen an die Wurzel. Da das Wesen einer Gesellschaft immer aus den Prozessen der dieser Gesellschaft zu Grunde liegenden Ökonomie entspringt, gilt es, sich diese Ökonomie genau anzusehen. Durch die Darlegung der inneren Mechanismen und Gesetzmäßigkeiten der kapitalistischen Wirtschaftsweise wird deutlich, warum die von uns erlebte Realität nicht etwa die Folge von Fehlentwicklungen ist, sondern ihre unabänderliche Konsequenz: Diese Gesellschaft, mit der ihr zugrundeliegenden Wirtschaftsform, produziert unaufhaltsam in der Welt neben Reichtum für einige, Elend für viele, und die Herrschenden dieser Welt wissen überdies genau, dass sie es tut. Um deutlich zu machen, wie diese Ökonomie die Gesellschaft prägt, werden im Fortgang des Buches die bestimmenden Faktoren und Abhängigkeiten innerhalb der Gesellschaft und der Machtstrukturen aus soziologischer, psychologischer und philosophischer Sicht betrachtet.

Anstatt die auslösenden Faktoren der ausgeprägten Weltschieflage zu beseitigen, wird an den Symptomen herumgedoktert – dies erscheint als die vorherrschende Charakteristik für die Konfliktverarbeitung dieser Gesellschaft. Fraglos muss man Symptome behandeln, wenn etwas, in diesem Fall Teile unserer Gesellschaft, »krank« sind – als einzige Maßnahme hingegen, ohne die eigentlichen Ursachen des Leidens zur Disputation zu stellen, mutet diese Herangehensweise allerdings wenig lebensklug an.

Die Beweisführung des Autors ist dabei stringent und reliable. Anhand zahlreicher wissenschaftlicher Studien, Arbeiten und Artikel der renommierten Wissenschaft, werden die Komponenten einer gesamtheitlichen, gesellschaftlichen Auseinandersetzung tranchiert und aufgegliedert. Das entscheidende Kriterium hierbei ist, dass dem Lesenden bisher unbekannte Blickwinkel angeboten werden, welche nach und nach die Verhältnisse der einzelnen Teilaspekte untereinander und die daraus resultierenden Interaktionen im Gesamtsystem, verständlich machen und bereits bestehende Vorurteile und Klischees in vollkommen neuem Lichte erscheinen lassen. Wer ahnt beispielsweise schon bzw. kann stringent begründen, das Geld viel mehr ist, als simples Tauschäquivalent bzw. was Geld ist oder was man hat, wenn man Geld hat und welche Konsequenzen Geld verursacht?

Dieses Buch ist Bloßlegung und Aufklärung zugleich. Es ist für alle, die selbständig denken und sich ihre Meinung anhand eines ganzheitlichen Blickes bilden wollen.

Buchtipp:

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Kalkulierte Misere

Warum Kapitalismus systematisch Elend produziert und eine ethisch-humanistische Genese der Gesellschaft unmöglich macht – und der Ausweg daraus

von Kay Heinath
Erschienen im Bod-Verlag 2016, ISBN: 978-3-7392-2817-4
256 Seiten, 16,90 €

Buch erwerben: Online bei Buch.de , direkt beim Bod-Verlag, in jedem anderen Onlinebuchhandel oder in jeder der rund 6000 Buchhandlungen in Deutschland. Weitere Informationen zum Buch (Kapitelübersicht und Beschreibung des Buchaufbaus).

 

 

5 Gedanken zu „Gesellschaftliche Determinanten

  • 22. April 2016 um 19:13
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    Deutliche Worte. Gut finde ich die Einschätzung, dass die Krise kalkuliert ist. Anders kann dies doch gar nicht gesehen werden. Die wissenschaftlichen Fakten liegen auf dem Tisch, wir wissen, wenn wir so weiter machen, wird aller Wahrscheinlichkeit xyz passieren, wobei xyz leider nicht der Hauptpreis sein wird, dennoch bringen uns diese vollkommen realitätsfernen BWL-Hoschis immer weiter rein in die Scheisse. Das ganze System ist fertig. Es ist inhuman und ganz einfach dumm. Ich bin gespannt, wann es denen um die Ohren fliegen wird.

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  • 18. April 2016 um 11:59
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    @ GOWEST: Seltsame Frage. Seit wann ist Umweltschutz vom politischen, bzw. gesellschaftlichen Geschehen trennbar? Es muss über die auslösenden Faktoren nachgedacht werden und dann trifft man zwangsläufig auf ökonomische Fragestellungen als Grundlage der Gesellschaft. Und spätestens dann wird es finster, denn der Kapitalismus, so anpassungsfähig er auch bislang gewesen sein mag, kann eines nicht – seinen eigenen ökonomischen Gesetzen entkommen. Und das heist eben stetiges Wachstum, daraus folgend immer neue künstliche Märkte erschaffen und immer billiger produzieren, damit überhaupt noch irgendetwas im Wettbewerb verkauft wird, daraus folgend immer größerer Ressourcenverbrauch, Umweltzerstörung (incl. Klimawandel) und und und… Lies doch mal ins Buch – ich bin zwar noch nicht ganz durch, aber deinem Nickname zufolge, wird es für dich keine angenehme Zeit werden…

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  • 16. April 2016 um 13:22
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    Ziemlich politisch hier. Was seid ihr eigentlich, Umweltschützer oder Kapitalismus-Hater?

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    • 19. April 2016 um 7:51
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      Ich würde sagen, die Antwort auf deine Frage lautet: Realisten.

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  • 27. März 2016 um 9:52
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    Nicht zu fassen. Ich befürchtete bereits das Schlimmste – seit Ende Januar kein neuer Beitrag – und dann plötzlich solch ein Artikel! Lobenswert, dass klimarelevant weiterhin bestrebt ist, den Fokus immer wieder den grundsätzlichen Problemen zuzuwenden. Mit diesem Artikel liegt der Verfasser deutlich über dem Durchschnitt! Vielen Dank dafür!

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