BDI-Präsident Grillo erklärt die Zeit der Vernunft für beendet: Industrie warnt vor übertriebenen Kohleausstiegsplänen

grillo
Ein Fossil für Fossiles: Ulrich Grillo vom BDI ©RudolfSimon / CC BY-SA 3.0 (via Wikimedia Commons)

Ein Kommentar von Klimus

Drei Wochen hat es die deutsche Industrie nach dem Pariser Klimaschutzabkommen geschafft, sich zurückzuhalten. Die Karenzzeit erklärt nun der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Ulrich Grillo für beendet. Wie gehabt bedient sich der Chef-Lobbyist dabei gewohnter Horrorszenarien, welche eine bevorstehende Steinzeit am Horizont skizzieren, wenn die Wirtschaft tatsächlich in der Zukunft einmal vernunftorientiert und nachhaltig produzieren müsste. Das Beschwören des Untergangs des Abendlandes ist als Standard-Masche nichts außergewöhnliches – außergewöhnlich hingegen ist das puerile Niveau, mit dem sich der BDI-Präsident an die Öffentlichkeit traut.

Nach den Beschlüssen von Paris im Dezember 2015 stehen bis Mitte 2016 Gespräche zwischen Umweltministerin Hendricks und der Industrie über den Ausstieg aus der fossilen Energie an. Dieser, wie inzwischen jedes Kind weiß, für diesen Planeten überlebensnotwendige Ausstieg, ist allerdings in der auf Eindimensionalität fußenden, barocken Vorstellung der deutschen Wirtschaft ausschließlich mit Begriffen wie »Kosten« oder »Profitbeschränkung« assoziert – Begriffe wie »Chance« oder »Progress« hingegen offenbaren sich den reaktionären, umweltzerstörerischen Dinosauriern aus Wirtschaft und Industrie als fremd.

Zwei Tage nach Silvester profiliert sich Ulrich Grillo der Öffentlichkeit als Oberdinosaurier, indem dieser vor überzogenen Plänen zum Kohleausstieg bis Mitte des Jahrhunderts in Deutschland warnt. Ganz so, als gäbe es die Aussagen der ernstzunehmenden Klimaforschung nicht, hält Grillo den von Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) angekündigten, ›Klimaschutzplan 2050‹, für übertrieben. Grillo scheint somit offenbar mehr zu wissen, als die gesamte, ernst zu nehmende Fachwelt und entsprechend simpel sind auch seine Parolen: »Wir müssen aufpassen, dass wir nicht vom Vorreiter zum Einsiedler werden.« oder »Wir können aus Deutschland heraus nicht das Weltklima retten.« und »Keinem ist gedient, dem Industriestandort Deutschland den Stecker zu ziehen«, sind nur die Begrüßungsböller des Einfaltsfeuerwerkes, das mehr als skurril wirkt.

Mittels Glaskugel erklärt Grillo die Welt: »Selbst 2050 wird es nach allem, was wir heute wissen, mangels Speicherlösungen noch fossile Kraftwerke in unserem Land geben müssen – anders geht es nicht.« Eine schlecht geputzte Glaskugel, welche sein düsteres Wunsch-Orakel aufzeigt. Dieses Orakel ist, freundlich gesagt, dahingestellter, zurechtgebogener Mumpitz, da es Studien, die das genaue Gegenteil aufzeigen – und zwar wissenschaftlich und nicht unter dem grillowschen Motto, »ich wünsch mir was« – genug gibt. Zuletzt tat dies eine Studie des Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) Ende 2015.

In Grillos Vorstellungswelt strebten doch schon alle einen Rückgang der Kohlendioxid-Emissionen an und das schließe auch nach und nach einen Rückgang der fossilen Energieträger Kohle und Gas ein: »Dazu brauchen wir keine technologiespezifischen politischen Sonderpläne. Dies werde der Handel mit Verschmutzungsrechten der Industrie, der sogenannte Emissionsrechtehandel, auf effizientem Wege von allein bewirken. Bei einem globalen funktionsfähigen Emissionshandel werde der Ausstoß von klimaschädlichen Treibhausgasen dort eingespart, wo es am günstigsten sei.« Nur, dieser Handel funktioniert eben nicht – der Preisverfall der europäischen Zertifikate und die damit verbundene marginale Lenkungswirkung sind seit Jahren in aller Munde.

Die lautesten Knaller in Grillos nachsilvestrischen Feuerwerk waren aber diese Aussagen: »Die Politik müsse anerkennen, dass Industrieunternehmen die Problemlöser seien und keine Dinosaurier.« und »Wir bringen Wohlstand und Arbeitsplätze und Innovationen, gerade auch für den Klimaschutz und die Energiewende.«

Falsch, Herr Grillo: Natürlich ist die Industrie der Dinosaurier und vor allem ist die Industrie der Problem-Macher! Ersparen Sie uns das ewige Märchen von der selbstlosen Wirtschaft als Jobmacher und Garant des Wohlstandes – das glauben Ihnen höchstens noch realitätsferne, kapitalismusgläubige Leser, irgendwelcher geschwurbelten Wirtschaftsseiten. Die Wirtschaft ist und war in der Mehrheit schon immer mittels Mehrwertabschöpfung ausschließlich daran interessiert, ihre Gewinne zu maximieren und hat dabei schon immer ihre Kapitalmacht zur Erpressung von ihnen günstigen, politschen Entscheidungen missbraucht. Und bei all dem war es dieser Wirtschaft ebenfalls schon immer egal, wer oder was dabei über die Klinge springt – ob Mensch, Natur oder auch gleich der ganze Planet. Und was sind das überhaupt für absurde Arbeitsplätze und was ist das für ein absurder Wohlstand, welche diese Wirtschaft schafft, wenn für deren Existenz die Lebensgrundlagen aller zerstört werden müssen? Und wie kommen Sie eigentlich darauf Herr Grillo, dass sich Nachhaltigkeit und vernunftorientiertes, wirtschaftliches Handeln mit der Schaffung von Einkommensmöglichkeiten und Wohlstand ausschließen müssen? Nur weil »Ihre« Industrie das nicht kann oder will? Ob das vielleicht an was ganz anderem liegt, Herr Grillo? Dass vernunftbegabtes Denken im Wettbewerb des Kapitalismus nicht existiert, sagen Sie doch ganz offen: »Deutschland verfüge über die weltweit mit Abstand effizienteste Kohleverstromung. Es mache keinen Sinn, diese stillzulegen, wenn in China gleichzeitig regelmäßig neue Kohlekraftwerke ans Netz gehen.«

So aberwitzig wurde und wird gedacht, bis das Klima dann endlich kippt. Ob sich jemals die Frage auf diesem Erdball stellen wird, ob der Fehler nicht vielleicht im System selbst liegt?

Man kann sich Angesichts der Realitäten durchaus fragen, wie ein Ulrich Grillo zu solch lebensfremden, inhumanen Standpunkten gelangen kann. Hier gibt der Blick auf Grillos Werdgang aufschluss: Bankkaufmann bei der Deutschen Bank, BWL-Studium mit Abschluss zum Diplom-Kaufmann, Prüfungsleiter in der Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft Arthur Andersen, Unternehmensberater bei A.T. Kearney und letztendlich seine »Karriere« beim Rüstungskonzern Rheinmetall AG und deren Tochterunternehmen, bei der Grillo schließlich als stellvertretender Vorsitzender des Vorstandes von Rheinmetall DeTec agierte. Wer in Unternehmen tätig ist, welche mittels Agrarspekulationen oder Rüstungsgüter für den Tod huntertausender Menschen mitverantwortlich sind und diese Handlungsweisen damit rechtfertigt, dass »wenn wir es nicht tun, dass es dann ja die anderen machen«, muss es gelernt haben, sein Gewissen zumindest fragmentär ausschalten zu können. Grillo kann dies erkennbar gut – und in dieser Gesellschaft werden solche Kaliber als»erfolgreich« bewertet. Und zum Zweiten: Ob sich jemals die Frage auf diesem Erdball stellen wird, ob der Fehler nicht vielleicht im System selbst liegt?

Quelle: DPA

Ein Gedanke zu „BDI-Präsident Grillo erklärt die Zeit der Vernunft für beendet: Industrie warnt vor übertriebenen Kohleausstiegsplänen

  • 3. Januar 2016 um 10:42
    Permalink

    Ich kann mir nicht helfen, aber auf dem Bild sieht der Typ wie die Katze aus, die gerade die Maus verspeist hat… 🙂

    Aber im Ernst. Ich vermute bin mir fast sicher, das solche Typen ihre eigenen Märchen tatsächlich glauben, die sie so daherfaseln. Das geht natürlich nur durch aktive Verdrängung bestimmter Seiten der Realität. Anders könnten auch die mit der enormen Schuld, die sie sich durch ihr Handeln aufbürden, gar nicht klar kommen.

    Inhaltlich ist das natürlich Bullshit, was da abgesondert wird – das Schlimme daran aber ist, dass vermutlich nicht nur wie ihr schreibt einige wenige Wirtschaftsseitenleser diesen Schmarrn glauben, sondern noch weit mehr Menschen, die dem täglichen Einfluss des Medienmainstreams unterliegen.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.