Pariser Klimavertrag: Kritik von führenden Klimawissenschaftlern

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Professor Mojib Latif: „Zu viel Spielraum, zu wenig Konkretes.“ (Bild vom November 2014), Bild: DKK, Stephan Roehl

Der in weiten Teilen der Politik und Leitmedien frenetisch bejubelte Klimavertrag von Paris, steht in der Kritik von führenden Klimawissenschaftlern. Es sei zwar ein starkes Signal, dass die Grenze der Erderwärmung in dem Vertrag auf maximal 1,5 Grad ausgerufen wurde, doch gleichzeitig werden die Maßnahmen, die für dieses Ziel nötig wären, Stück für Stück aus dem Vertragsentwurf getilgt.

Um die im Klimavertrag vereinbarte, begrüßenswerte Obergrenze einhalten zu können, müssten alle Industrieländer bis 2030 bei Null CO2-Emissionen liegen, erklärten die Wissenschaftler. Steffen Kallbekken, Forschungsdirektor des norwegischen Cicero-Instituts, verdeutlicht das Problem zwischen Anspruch und Wirklichkeit: »Das Problem ist nur: Wenn die Welt nach dem möglichen Inkrafttreten des Vertrags im Jahr 2020 damit beginnt, die Marke anzupeilen, ist es längst zu spät. Dann haben wir unser CO2-Budget bereits erschöpft.« Auch Joachim Schellnhuber, Leiter des renommierten Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIC), warnt vor den zu schwachen Maßnahmen.

Johan Rockström, Leiter des Stockholm Resilience Centre, erläutert das Grundproblem des Klimagipfels in Paris: »Das, was die Länder nach Maßgabe ihrer nationalen Interessen im Geschacher und Gefeilsche der Länder aushandeln, hat nicht unbedingt etwas mit der Realität zu tun. Das ist eine politische Diskussion« Rockström weiter: »Stimmig mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen sei das aber nicht. Auf der einen Seite wird das große Ziel bei der Erderwärmung verschärft – doch gleichzeitig werden die Maßnahmen, die für dessen Erreichen nötig wären, Stück für Stück aus dem Vertragsentwurf getilgt.«

Konkrete Beispiele fehlender Maßnahmen

Konkrete Beispiele sind hierbei das Rausfallen der Warnung des Weltklimarats, dass bis 2050 der CO2-Ausstoß um 70 bis 95 Prozent vermindert werden muss. Ersetzt wurde dies durch »ziemlich vage Angaben« erläutert Kallbekken. »Das sendet keine klare Botschaft aus.« Gleichfalls findet sich auch keinerlei Hinweis im Vertragstext darauf, dass 90 Prozent der fossilen Reserven im Boden bleiben müssen, um selbst das Zwei-Grad-Ziel noch zu erreichen: »Der derzeitige Text liegt zwischen gefährlich und tödlich«, bewertet Kevin Anderson von der Universität Manchester die Porösität des Vertrages. Ein weiteres Verhängnis ist das Fehlen des notwendigen Ziels der Dekarbonisierung bis 2050. Stattdessen sollen die Staaten nun auf lange Sicht »emissionsneutral« werden, steht im Artikel 3 des Entwurfs. Für die Wissenschaftler ist dies zwar ein Fortschritt gegenüber der Formulierung »klimaneutral«, aber eben auch weniger ambitioniert als »Dekarbonisierung«.

Und als wäre all dies nicht löchrig genug, beruht das Abkommen lediglich auf Freiwilligkeit. Es gilt zwar für alle Länder das grundsätzliche Ziel, die Erderwärmung auf »deutlich unter 2 Grad Celsius« zu beschränken, aber dieser »historische« Vertrag bietet keinerlei Handhabe gegenüber denen, die nicht mitmachen wollen, oder sich später umentscheiden. Nirgendwo ist festgeschrieben, wie viel CO2 jedes einzelne Land einsparen muss. Schaut man auf die jüngsten Kommentare aus US-republikanischen Kreisen – der republikanische Mehrheitsführer im Senat, Mitch McConnell, will den Klimavertrag nach der Wahl in 13 Monaten zerfetzen – dann offenbart sich hier ein gewaltiges Schlupfloch für die Zukunft.

Kieler Klimaforscher Mojib Latif enttäuscht

Auch der Kieler Klimaforscher Mojib Latif äußerte sich nach Abschluss der UN-Konferenz enttäuscht: »Die Länder hätten sich lediglich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt.«, sagte der Wissenschaftler. »Das Abkommen enthalte zu viel Spielraum und wenig konkretes. Mit diesen Zielen sei die vereinbarte Begrenzung der Erderwärmung nicht zu schaffen.« Latif kritisierte dabei insbesondere die verlorene Zeit: »Seit der Unterzeichnung der Klimarahmenkonvention von 1992 sei zu wenig für den Klimaschutz erreicht worden. Dabei sei das Thema dringlicher denn je zuvor, denn seit Beginn der 90er Jahre sei der weltweite Ausstoß von Kohlenstoffdioxid um 60 Prozent gestiegen.«

Dieses Zeitproblem wird auch von Greenpeace Chef Kumi Naidoo als zentrales Versäumnis der letzten Jahrzehnte gesehen: In den vergangenen zwanzig Jahren ging es beim Klimaschutz verdammt langsam voran. Wir haben die Welt in eine gefährliche Lage gebracht. Es ist höchste Zeit für ein globales Engagement.

Ausgerechnet Wirtschaftsführer und Ökonomen wehklagen

Ausgerechnet diejenigen, die diesen für die Menschheit verhängnisvollen Zeitverlust mit ihrem Geschacher und Gefeilsche um Märkte und Profitsucht zu verantworten haben, beklagen sich heute: Wirtschaftsführer und Ökonomen haben in der FAZ enttäuscht auf den in Paris beschlossenen Klima-Vertrag reagiert. Sie befürchten Wettbewerbsnachteile und Deutschland und Europa müssten ihre Industrien vor ungleichen Wettbewerbsbedingungen schützen. Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, meint zwar, dass das Klimaabkommen ein Erfolg der Diplomatie sei, aber im gleichen Atemzuge wehklagt Schweitzer: »Die Ergebnisse bleiben allerdings in wichtigen Teilen hinter den Erwartungen der deutschen Wirtschaft zurück.«

Quellen: klimaretter.info 1klimaretter.info 2shz.derp-online.defaz.net

4 Gedanken zu „Pariser Klimavertrag: Kritik von führenden Klimawissenschaftlern

  • 6. September 2016 um 13:17
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    Eine wetterabhängige,nicht unterbrechungsfreie und teure Stromversorgung ruiniert das stärkste Industrieland.
    Die Energiewende kann nicht funktionieren. Die Arbeitslosen werden nicht über CO2 reden!

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    • 7. September 2016 um 7:00
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      Genau solcherlei kurzfristige, eingeengte ökonomische Sichtweisen unter vollständiger Ausblendung der Konsequenzen für weite Teile der Menschheit, aber auch unserer Gesellschaft und des Planeten im Ganzen, sind der Kern des Problemes.

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  • Pingback: Wird das Klima wirklich durch den Weltklimavertrag geschützt?Unser Blog

  • 15. Dezember 2015 um 19:04
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    Gestern dachte ich mir noch so, ob ihr nicht doch ein bisschen zu pessimistisch seid mit eurer Bilanz. So kann man sich täuschen. Gut gemacht!

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