Paris 2015 – der COP21 – ist beendet. Eine Bilanz.

Greenpeace_Climate_March_2015_Madrid

Aktiv für das Überleben der Menschheit: Greenpeace-Aktivisten © OsvaldoGago / CC BY-SA 3.0 (via Wikimedia Commons)

von Klimus

Es war das Highlight des Jahres, nun ist er zu Ende – der Pariser UN-Klimagipfel (COP21). Was in Teilen der Presse als »historisch« gefeiert wird, ist lediglich ein »Pariser Scheitern mit Zuckerguß«. Der Text des Pariser Klima-Vertrages ist »voll von Spuren der Industrielobbyisten« und die vorgelegten Maßnahmen reichen längst nicht aus, um den Temperaturanstieg deutlich unter 2 Grad zu halten – schon gar nicht, um den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen, wie es im Vertrag vollmundig beschlossen wurde. Paris bietet einige Ansätze, ist aber (leider) unter dem Strich ein unrealistisches Lippenbekenntnis, ohne den entsprechenden, dafür notwendigen Unterbau.

Spiegelonline feiert den Pariser Vertrag als »Historisches Abkommen«, Barbara Hendricks hat ihn als »historischen Wendepunkt in der Umweltpolitik« gewürdigt, die FAZ spricht vom »Dokument zur Rettung der Welt«, die Zeit sieht in ihm gar »Die schönsten aller französischen Revolutionen« und ein bekanntes Boulevard-Blatt titelt in standesgemäß übergroßen Lettern: »Viele Generationen werden sich an den Gipfel erinnern.«

Bei den Nachfolgegenerationen wird die Erinnerung an diesen Vertrag sicher vorhanden sein, aber sie wird vermutlich bei nüchterndem Blick auf die Vertrags-Realität ganz anders ausfallen, als es die Schlagzeile wohl vermitteln sollte. Der Deutschlandfunk, als einer der wenigen Medienvertreter mit Bodenhaftung, bringt es auf den Punkt: »Klimavertrag: Klingt viel, ist es aber nicht.«

Weshalb der Weltklimavertrag ein Papiertiger ist

In dem Pariser Weltklimavertrag wurde tatsächlich ein unerwartet ambitioniertes Ziel fixiert: Das Limit der Erderwärmung soll deutlich unter zwei Grad liegen, anvisiert ist sogar, die Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, was für viele pazifische Inselstaaten überlebenswichtig wäre. Nur leider stellt außer diesem lobenswerten Lippenbekenntnisses nichts in dem Abkommen sicher, dass dieses Ziel erreicht werden kann. Die Fakten sind hier eindeutig, denn die Treibhausgas-Limits, die sich die Länder der Erde selbst gegeben haben und welche die Grundlage des Paris-Vertrags bilden, sind allenfalls dazu in de Lage, die Erderwärmung auf, wenn überhaupt, 3 Grad zu begrenzen – und das wäre eine Katastrophe.

Die in der Atmosphäre wirksamen Treibhausgase verbleiben dort über durchschnittlich 120 Jahre. Die Probleme also, die wir heute erleben – und wir befinden uns ja bereits schon bei 1 Grad Erderwärmung und hätten somit nur noch 0,5 Grad »Luft« bis zum anvisierten 1,5 Grad-Höchstlimit – sind die Folgen aus der Vergangenheit. Aber die Produktion steigt stetig weiter und die Wandlung zu regenerativen Energien geht viel zu langsam voran. Und so ist die im Vertrag beschlossene Weichspülung, dass die Welt ab 2050 lediglich »klimaneutral«, statt wie es sein müsste, »treibhausgasfrei« lebt – also dass ab 2050 kaum noch neue Treibhausgase in die Atmosphäre hinzu kommen, damit sich die dort bereits vorhandenen und zudem bis 2050 noch dazustoßenden Treibhausgase ab diesem Zeitpunkt langsam wieder abbauen können – wird zur Konsequenz haben, dass die Voraussage des dänischen Klimaforschers Jorgen Randers leider Wirklichkeit werden wird. Dieser prognostizierte bereits 2012: »Die menschengemachte Freisetzung von Treibhausgasen wird noch bis 2030 steigen und erst dann zurückgehen – dies sei allerdings 15 Jahre zu spät, um noch zu verhindern, dass sich die mittlere Erdtemperatur nach 2052 um mehr als zwei Grad erhöhe.«

Auch der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf äußert seine Besorgnis in einem Interview vom 7. Dezember erneut: »Ich bin besorgt darüber, was mehr als 2 °C Erwärmung für die Funktion der großräumigen Komponenten unseres Erdsystems bedeutet, etwa für die globale Ozeanzirkulation oder das Monsunsystem. Es gibt viele nicht-lineare Systeme, die einen kritischen Umkipppunkt haben. Wenn der überschritten wird, dann ändern sich diese Systeme grundlegend.« Wir sprechen also bei dem »historischen« Pariser Klimavertrag von einem wenn überhaupt erreichbaren 3 Grad-Kurs, der die Elemente des Klimasystems destabilisieren und des Grönland-Eisschild zum schmelzen bringen wird und besonders fatal, die Permafrostböden abtauen lässt, wodurch riesige Mengen des hochwirksamen Treibhausgases Methan, welches bisher in diesen Böden gebunden war, entweichen und den Klimawandel noch mehr anheizen werden.

Bewusste Täuschung durch Teile der Medien

Wenn die Eingangs zitierten Medienteile, trotz dieser offen liegenden Tatsachen, von einem »historischen Erfolg« sprechen, kann nur von bewusst herbeigeführter Irreführung gesprochen werden. Den Verantwortlichen solcher Propagandaergüsse muss ganz genau bewusst sein, dass sie mit ihren versponnenden Berichten vielen »da draußen« die rosige Realität als Hirngespinnst zur Verfügung stellen, welche diese Menschen zu ertragen bereit sind. Diese Traumwelt ist elementar für ein Wirtschaftssystem, welches als zwingende Grundbedingung Wachstum braucht, denn die Produktion muss ohne größere Störungen weiter von statten gehen. Die besorgten Menschen, die aus welchen Gründen auch immer nicht die Möglichkeit haben, sich eingehender mit dem Thema auseinander zu setzen, wird die Scheinwelt geboten, die diese wieder beruhigt an das Tageswerk schreiten lässt. Das dahinterliegende Motto: Macht euch keine Sorgen, wir sorgen schon für euch – und nun geht bitte schön wieder an die Arbeit. Udo Ulfkotte, Heiko Haupt, Wolfgang Herles und andere haben dieses »Wirtschafts-Medien-Politik-Geflecht« längst in ihren Büchern, die zum Teil Bestseller geworden sind, eingehend beleuchtet.

Wie geht es nun weiter?

Es ist aufgrund der Erfahrungen aus der Vergangenheit zweifelhaft, ob die Staaten die selbstauferlegten Zusagen mittels des im Vertragswerk festgelegten »Hebemechanissmus« deutlich verbessern werden – die jetzigen sind auf jeden Fall ungenügend. Und so ist Paris eine Enttäuschung mit Ansage. COP21 ist so verlaufen, wie es zu erwarten war. Wir haben das gleiche Geschacher wie bei allen Gipfeln in den 23 Jahren zuvor erlebt, wirksam begleitet von entsprechender Öffentlichkeitsarbeit, welche es auch diesmal zu verstehen weiß, ein »Nicht-Ergebnis« als Erfolg umzudefinieren. Es ist zwar so, dass der Vertrag ein Signal setzt, nämlich das, dass zumindest in der »Weltwahrnehmung« angekommen ist, dass etwas getan werden muss, aber das Dilemma zwischen Anspruch und Wirklichkeit liegt offen vor uns. Dieses ist in der Art unseres Wirtschaftens begründet und so lange eine Weltwirtschaft in einem stetigen Gegeneinander wirkt, in dem jeder den anderen so gut es geht ausnutzen muss, um im Wettbewerb zu überleben, kann sich grundlegend nichts ändern, bzw. dauern Transformationen so lange, wie wir es heute sehen. Hier eindeutig zu lang.

Die Verantwortlichen dieses Systems fahren pokernder Weise und sehenden Auges, wie im Wahn, auf den Abgrund zu und hoffen, dass irgendwie noch etwas passieren wird, was die Notbremse auslöst. Das Problem für alle ist, dass wir alle mit in diesem Zug sitzen und aufgrund der immer wieder gezeigten Unfähigkeit der Verantwortlichen, ihr krankmachendes System zu transformieren, kann die eigentliche Wendung nur von unten kommen. Jede Frau, jeder Mann, jedes Kind, ist hier gefragt, über die eigenen Tellerränder zu schauen und kurzfristiges Denken gegen langfristiges Denken zu ersetzten. Allerdings bleibt auch diese erhoffte Wandlung von unten lediglich ein Wunschdenken, solange ein System wie am Fließband zu viele Menschen hervorbringt, welche sich auf infantilem Niveau befinden und verbleiben. Diese Menschen sind zwar leicht dirigier- und ablenkbar, aber eben auch gleichfalls nahezu unfähig, über die eigenen Bedürfnisse heraus, verantwortlich zu handeln.

Dennoch denke ich, dass der Wandel kommt. Er ist sogar unausweichlich und er wird dann extrem an Fahrt aufnehmen, wenn sich das Wettergeschehen und die daraus resultierenden Veränderung in der Welt nicht mehr hinter irgendwelchen Ablenkungen kaschieren lassen. Dann ist es wahrscheinlich zwar bereits unumkehrbar zu spät, um noch erträgliche Realitäten sicher zu stellen und das Geschrei wird groß sein – aber es wird spätestens dann grundlegendes passieren.

Klimarelevant wird weiterhin positive Veränderungen, als Schritt nach vorn, veröffentlichen. Aber eben auch die negativen. Aufgeben wäre töricht.

Ein Gedanke zu „Paris 2015 – der COP21 – ist beendet. Eine Bilanz.

  • 14. Dezember 2015 um 14:47
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    Irgendwie düster, diese Bilanz. Aber vermutlich nicht so verkehrt. Ich neige auch eher zur Vorsicht, zu groß sind die Widersprüche und zu laut wird der Vertrag von den Medienvertretern hoffiert. Immerhin ist es mit dem Vertrag jetzt aber schwieriger, den Weg zurück zu gehen, denn der öffentliche Druck nimmt zu. Die entscheidende Frage ist aber wohl, ob dieser Vertrag nicht 10 Jahre zu spät kommt…??

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