Kontroverse in der Windkraft?

Schön und ungeheuer kraftvoll – Windpark auf Fehmarn.

Die Kontroverse im Bereich der Windenergie kocht weiterhin hoch. Mit Blick in den aktuellen Pressespiegel könnte man den Eindruck gewinnen, dass eine zunehmende Anzahl der Bürgerinnen und Bürger Windkraft ablehnt. Das Thema ist zu wichtig, um an dieser Stelle einfach pro-contra – Mehrheiten auszuloten, denn dies führt nicht zum Ziel – große Veränderungen sollten in einem breit möglichen Konsens erfolgen, wenn er fruchtbar und nachhaltig sein soll.

Das die Energiewende unabdingbar ist, ist Konsens der Wissenschaft. Das ist im Prinzip auch denen klar, die Windkraftprojekte ablehnen, denn von den Finten der Klimaleugner-Szene lassen sich heute nur noch die wenigsten beeindrucken. Wieso trifft Windkraft, als eines der Standbeine des Energiemixes der Energiewende, dennoch auf Ablehnung? Zwei Hauptgründe:

Berichterstattung

Ganz aktuell erscheint beispielsweise in vielen Zeitungen die Meldung, dass die Windkraftleistung Grenzen hat. Diese selbstverständliche Trivialität wird nicht selten so reißerisch dargestellt, das man den Eindruck gewinnen kann, es sei beabsichtigt, dass die LeserInnen daraus den Schluss ziehen sollen, dass die Menschheit mit der Windkraft glatt auf das falsche Pferd gesetzt hat. Tatsächlich besagt die Meldung aber lediglich, dass überall, wo sich Windräder drehen und Elektrizität erzeugen, windabwärts weniger Energie zur Verfügung steht weil sich die Rotoren gegenseitig den Wind wegnehmen. Das begrenzt die Leistung, die ein hypothetischer, unendlich großer Windpark liefern könnte. Zu diesem Ergebnis kamen Forscher um Lee Miller vom Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena. Dieses Gedankenspiel ist natürlich erstens unrealistisch, da die Berechnung des Forscherteams auf der Annahme beruht, dass der Windpark praktisch unendlich groß sei und zweitens ist es irrelevant, da allein die Windkraft trotz dieser »Erkenntnis« mehr als genug Windenergie in Strom umwandeln könnte, als die Menschheit bräuchte: Die Menschheit benötigt etwa eine Leistung von 18 Terawatt (Billionen Watt) und Miller kam bereits vor einigen Jahren auf eine Windenergiesumme von 68 Terawatt allein an Land! Andere Forscher haben mit ihren Modellen einige Hundert Terawatt an Land und auf See berechnet. Auch wenn Windräder sich also logischerweise gegenseitig teilweise den Wind nehmen, ein prinzipielles Problem für die Energieversorgung ist das nicht im geringsten und was zudem auch nicht vergessen werden darf, die Windenergie ist nur ein Teil des Energiemixes. Nur wenige Blätter, unter anderem die Süddeutsche, berichteten hier objektiv.

Eine »ähnliche Sau« wurde bereits vor einigen Wochen durch die Dörfer getrieben, als es hieß, dass »Windkraftanlagen im Wald«, angeblich den deutschen Kulturwald zerstören. Klimareleavant berichtete über die tatsächlichen und vor allem in der Berichterstattung oft ausgelassenen Hintergründe. Einen weiteren Großangriff auf die Energiewende selbst erlebte die deutsche Öffentlichkeit vor einigen Tagen durch die Lobbyorganisation »Institut der deutschen Wirtschaft« (IW) – auch hierzu hat Klimarelavant, diesmal in Form eines Kommentars, da die IW-Darstellung eklatante Schwächen aufzeige, Stellung bezogen.

So wurden nun bereits mehrfach Halbwahrheiten oder gar absurde Informationen durch Medienvertreter in die Öffentlichkeit weiter geleitet. Geschah dies ungeprüft, ist dies bedauerlich. Geschah dies absichtlich, dann ist das allerdings ein Skandal und es wäre hier angebracht hinzuschauen, durch wessen Kriegskasse solcherlei Motivation zu Stande kommt.

Faktor Mensch

Probleme mit der Optik von Hügelketten, aus denen majestätisch Windräder emporragen und saubere Energie liefern, sind die kleinsten Probleme – was die einen als Verschandelung der Natur sehen, bewerten die anderen als wunderschön und als Ausdruck zukunftsgerichteten Denken und Handelns. Aber da gibt es noch die Sorgen der Menschen, die man Ernst nehmen muss, auch wenn diese manchmal noch so bizarr erscheinen mögen. Hier hilft nur eine ehrliche Aufklärung. Von solch einer Idee hält Bernhard Schmit, zweiter Vorsitzender der Bürgerinitiative Pro Natur Hochwald, allerdings nicht viel. Wenn mit »Gesundheitsargumenten«, die wissenschaftlich nicht haltbar sind, Stimmung gemacht wird, dann ist das nichts als unlauter: »Die Bürger der Gemeinde Greimerath sind offensichtlich die Versuchskarnickel zum Thema Infraschall, einem Schall unterhalb der menschlichen Hörschwelle. Einem Problem, das bislang nicht ausreichend ausgeforscht wurde.« Tatsache ist, dass eine Belastung durch Infraschall in der dargestellten Form wissenschaftlich so nicht belegbar ist, dennoch ist das ganze Internet voll von Horrormeldungen über Infraschall und nahezu jede Bürgerinitiative, die gegen Windkraftprojekte ins Felde zieht, nutzt dieses vermeintliche Schreckgespenst des gesundheitsgefährdenden Infraschalls für ihre Sache. Der Stand der Forschung ist dieser: Infraschall werde im Wesentlichen vom Wind selbst erzeugt und nicht vom Betrieb einer Anlage. Infraschall ist zudem ein normaler Bestandteil der Umwelt, welcher auch von Wasserfällen oder Meeresbrandungen erzeugt wird. Bei Windkraftanlagen liegt der Pegel von Infraschall bereits im Nahbereich von 150 und 300 Metern deutlich unterhalb der menschlichen Wahrnehmungsschwelle, stellten durch das Landesamt für Umwelt Baden-Württembergs in Auftrag gegebene Messungen fest. Auch der BUND Baden-Württemberg sieht im Infraschall von Windkraftanlagen keine besondere Problematik. Viel dringender sei die Belastung durch Lärm, also normalen Schall.

Spiegel Online brachte hier bereits 2013 eine mögliche Erklärung des Phänomens tatsächlich von Menschen gemachter, negativer Empfindungen, indem sie eine neuseeländische Studie veröffentlichten: Genau wie Menschen durch die Einnahme von Placebos gesund werden können, können Menschen krank werden, wenn sie nur daran glauben, dass sie krank werden. Die Studie untersuchte, welchen Einfluss negative Erwartungen darauf haben können, wie Menschen ihre eigene Gesundheit wahrnehmen. Die einfache Lösung: weniger Panikmache.

Ergo

Es muss der »großen Sache« gedient werden und nicht der eigenen. Ohne geglückte Energiewende haben wir, auf jeden Fall unsere Kinder, keine Zukunft mehr, da die Erde, so wie wir sie kennen nicht mehr existieren wird. Das Zitat Achim Steiners: »Wir gehen sehr ernsten Veränderungen unseres Planeten entgegen.« muss in die Köpfe hinein, erst dann wird auch an einem Strang gezogen. Mit der von Udo Kuckartz skizzierten dominierenden Haltung der Mitglieder westlicher (Konsum)Kulturen: »WIR müssen uns einschränken, aber ICH nicht!« wird das aber nicht gelingen. Gläubigen sei deshalb noch einmal die Enzyklika LAUDATO SI’ aus dem Juni 2015 von Papst Franziskus ans Herz gelegt, in der es lautet: »Die Menschheit ist aufgerufen, sich der Notwendigkeit bewusst zu werden, Änderungen im Leben, in der Produktion und im Konsum vorzunehmen, um diese Erwärmung oder zumindest die menschlichen Ursachen, die sie hervorrufen und verschärfen, zu bekämpfen.«

Die ungefährliche Windkraft gehört zu dieser, unserer Zukunft dazu.

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